Buchtipp

Unser Buchtipp im DK vom 13.1.20

Josephine Angelini - Annies Welt

Buchhandlung Sabine Jünemann

Dressler Verlag, 223 Seiten, 17,00 €

Als jüngstes Kind in einer Familie mit acht älteren Geschwistern hat man es sicherlich nicht immer leicht. Die zehnjährige Antoinette Elizabeth Bianchi ist auch noch ein ganz besonderes Mädchen. Nicht nur, dass sie weder so aussieht wie ihr italienischer Vater und der Rest ihrer streng katholischen Familie, immerhin sieben Schwestern und ein Bruder, noch wie ihre irische Mutter, sie ist auch noch die einzige hochbegabte Legasthenikerin in der Familie. Annie wird gerne von allen übersehen, was allein deshalb nicht immer gelingt, weil ihr bei Aufregung regelmäßig schlecht wird, sehr zum Ärger ihre älteren Geschwister, die sie ohnehin häufig peinlich finden. Sie alle wissen, dass sie nicht nur auf der falschen Seite des Waldes leben, nämlich da, wo weder der Golfplatz ist, noch die schönen, teuren Häuser stehen, und dass ihre Familie nicht nur über sehr wenig Geld verfügt sondern auch in Chaos und Gewalt zeitweise fast untergeht. Aber nach außen halten sie alle zusammen, auch wenn sie fast auf sich alleine gestellt sind mit einem zu viel arbeitenden Vater und einer völlig überforderten Mutter. Nur die Schule und ihre dortigen Freunde in der Klasse für hochbegabte, besondere Kinder geben Annie Halt in diesem Leben, das auch sie fast jeden Tag aufs Neue überfordert. Erst als es fast zur Katastrophe kommt, als eine ihrer Schwestern verschwindet, bekommt die Familie die Hilfe von außen, die sie schon längst gebraucht hätte.

Ein Buch, das sich trotz der schwierigen Familiensituation, in der Annie steckt, durch den flapsigen, teilweise trotzigen und zum Nachdenken anregenden Tonfall der jungen Ich-Erzählerin wunderbar lesen lässt. Für aufgeweckte Zehnjährige ebenso geeignet wie für interessierte Erwachsene.

Von Karin Skrzypczak



Unser Buchtipp im DK vom 6.1.20

Beate Rygiert - George Sand und die Sprache der Liebe

Buchhandlung Sabine Jünemann

Aufbau Verlag, 391 Seiten, 12,99 €

Eine Zeitreise ins Paris des Jahres 1831! Hier begegnen wir einer Frau, 27 Jahre alt, unglücklich verheiratet und mehr als glücklich verliebt! Wer sie ist? Aurore Dudevant, auch wenn sie diesen Namen nicht behalten wird.

Sie lebt in einer kleinen Mansardenwohnung für sich allein. Sechs Monate hat sie von ihrem Ehemann aushandeln können. Jedoch: Sie braucht Geld, und außerdem möchte sie sich endlich frei bewegen können. So schneidert sie sich einen Anzug, stopft ihre langen Haare unter eine Studentenmütze und taucht ein in das Pariser Leben unter König Louis-Philippe. Der Zufall will es, dass sie eine Stelle als Journalistin bei einer Zeitung angeboten bekommt.

Tagsüber sitzt sie in der Redaktion, nächtens schreibt sie wie besessen an ihrem ersten Roman. Als sie einen Verleger sucht, hagelt es Absagen. Zwar gilt Paris als ein Ort, wo vieles möglich ist, aber eine Frau als Autor? Das geht zu weit! So greift sie zu einem Pseudonym. Geboren wird George Sand!

Dies ist der bewegende Roman über eine der großen literarischen Gestalten des 19. Jahrhunderts. Einer Frau, die für das Recht der Frauen auf Eigenständigkeit eintrat und gleichzeitig als „Femme scandaleuse“ Schlagzeilen machte durch ihre vielen Liebschaften.

Es lohnt sich ihren Werdegang zu erlesen und dadurch vielleicht auch als Autorin neu zu entdecken.

Von Sabine Jünemann



Unser Buchtipp im DK vom 30.12.19

Antonie Schneider / Pei-Yu Chang - Wem gehört der Schnee? Eine Ringparabel

Buchhandlung Sabine Jünemann

NordSüd Verlag, 32 Seiten, 15,00 €

Hurra, es schneit! Die Kinder Jerusalems sind völlig aus dem Häuschen. Hier im „Heiligen Land“, wie die Region auch manchmal genannt wird, schneit es nur alle Jubeljahre einmal.

Muslimische, jüdische und christliche Kinder spielen in den Straßen, nicht immer gemeinsam. So auch an diesem Tag. Jedes Kind behauptet natürlich, der Schnee gehöre ihm, und ein großer Streit ist vorprogrammiert. Um eine Entscheidung zu erreichen, beschließen die Kinder, jeder etwas Schnee mitzunehmen und ihre Religionsgelehrten zu fragen, wer Recht habe. Doch als sie ankommen, ist von der weißen Pracht nur noch Wasser übrig, so dass weder der Rabbi, noch der Priester oder der Imam helfen können.

Traurig erkennen die Kinder, wie viel schöner es gewesen wäre, einfach miteinander im und mit dem Schnee zu spielen und sich so gemeinsam daran zu erfreuen.

Die Autorin hat eine herzliche Geschichte über das Geheimnis der Toleranz geschrieben, die nicht nur Kinder, sondern auch Erwachsene nachdenklich stimmt. Genial illustriert von der Taiwanesin Pei-Yu Chang, die einigen Bilderbuchkennern bereits bekannt ist durch „Der Koffer von Herrn Benjamin“.

Ob es in Jerusalem nochmal schneien wird? Lassen sie sich doch einfach überraschen, denn manchmal geschehen Wunder, die alle Menschen erfreuen.

Von Sabine Jünemann



Unser Buchtipp im DK vom 23.12.19

Rafik Schami - Elisa oder die Nacht der Wünsche

Buchhandlung Sabine Jünemann

Hanser Verlag, 32 Seiten, 14,00 €

Es war einmal ein keiner Junge, der weinend vor dem Schaufenster eines Spielzeugladens stand. Kurz zuvor hatte ihn eine Gruppe von Kindern verhauen und das alles nur, weil er anders aussah. Sehnsüchtig betrachtete er den roten Roller und wünschte sich diesen als Geschenk. Ob seine Mutter sich den wohl würde leisten können, wenn sie ihn hier abholte?

All dies betrachtet aus großer Ferne Elisa, die Frau des Weihnachtsmannes, durch ein Fernglas. Schon lange war Elisa mit der Arbeit ihres Mannes unzufrieden. Scheinbar war ihr Mann seiner Arbeit nicht mehr gewachsen. Er war immer so müde. So beschloss sie, ihrem Mann zu unterstützen, und die geheimsten Wünsche der Kinder zu erfüllen.

Dieses ist eine etwas andere Weihnachtsgeschichte, die die Menschen zum Nachdenken anregt. Rafik Schamis Erzählung gleicht einer Parabel, die wunderbar von Gerda Rait illustriert wurde.

Von Sabine Jünemann



Unser Buchtipp im DK vom 16.12.19

Peter Stamm - Marcia aus Vermont

Buchhandlung Sabine Jünemann

Fischer Verlag, 78 Seiten, 14,00 €

Ein junger Mann aus der Schweiz verbringt die Tage um Weihnachten und Neujahr allein in New York, bevor er sich im Januar auf den Rückflug zu seinen Eltern in die Heimat machen wird. Beim Spazierengehen durch die leeren Straßen der Stadt trifft er am Heiligabend eine junge Frau namens Marcia, die ihn um Feuer bittet. Er folgt der geheimnisvollen Frau und verbringt die Nacht mit ihr. Die Tage bis Neujahr vergehen für ihn wie im Traum, den er zusammen mit Marcia und einem befreundeten Paar erlebt.

Wie viele seltsame Weihnachten er schon erlebt hat, wurde er von Marcia gefragt, fällt ihm dreißig Jahre später wieder ein, als er mal wieder in New York ist. Mit Hilfe der wenigen Erinnerungen, die er hat, begibt er sich auf Spurensuche. In Vermont hofft er Marcia wieder zu begegnen, ihre Eltern haben dort nach dem Tod ihres jüngeren Bruders ein Stiftungsdorf für Künstler gegründet. Über einen befreundeten Galeristen kommt er jetzt selbst in den Genuss eines zweimonatigen Aufenthaltes dort und kann die Zeit bis zum Jahreswechsel seiner Kunst und vor allem seinen Nachforschungen widmen. Eine Suche zwischen Traum und Wirklichkeit beginnt für ihn an diesem wie aus der Zeit gefallenen Ort. Und obwohl er sich kaum noch an Marcia erinnert, fasziniert ihn das wenige, das er nach und nach über sie erfährt so sehr, dass er sich immer mehr in die Vergangenheit verliert. Eine ungewöhnliche und märchenhafte Erzählung, die wunderbar in diese Zeit zwischen den Jahren passt und eine kleine Auszeit in dieser doch oft so hektischen Zeit nicht nur verspricht.

Von Karin Skrzypczak



Unser Buchtipp im DK vom 9.12.19

Ralf Günther - Eine Kiste voller Weihnachten

Buchhandlung Sabine Jünemann

Kindler Verlag, 124 Seiten, 18,00 €

Compagnie Storch & Storch, Hersteller von Dresdner Pappen. Es ist Dezember 1890, als der Prinzipal beim letzten Rundgang durch die Manufaktur eine Kiste entdeckt, die längst ausgeliefert hätte sein sollen. Einfach vergessen steht sie in einer Ecke. Wieso, das kann ihm jetzt keine seiner Arbeiter erklären. Alle sind schon fort - endlich Weihnachten feiern. So spannt der alte Mann den Schlitten an, um die allerletzte Fuhre doch noch an ihr Ziel zu bringen.

Lange hat er so etwas nicht mehr gemacht, und kutschiert ebenso wenig. Es wird nicht leicht werden, bei diesem Wetter noch pünktlich nach Zinnwald zu kommen. Als er den Hof der Firma verlässt, springt ein kleines Mädchen auf die Ladefläche und versteckt sich unter der Plane. Sie möchte nach Hause. Mittellos muss sie sich durchschlagen, um zu Vater und Geschwistern zu kommen, sollen die doch Weihnachten nicht alleine sein.

Schon bald werden die beiden, Vincent Storch und Lisbeth, aufeinander angewiesen sein, denn der Schnee, der in der Stadt nur für ein wenig Puderzucker gesorgt hat, fällt im Gebirge in dicken Flocken und macht die Wege schwer passierbar. Es musste schon ein Wunder geschehen, dass die Kiste rechtzeitig nach Zinnwald und Lisbeth zu ihrer Familie kommt. Manchmal, sehr selten, geschieht mitten im Winter ein kleines Wunder.

Ralf Günthers herzerwärmende Geschichte stimmt die Leser auf das Fest ein und zeigt, dass auch alte Griesgrame manchmal doch ein Herz haben und Freude empfinden können.

Von Sabine Jünemann



Unser Buchtipp im DK vom 2.12.19

Madeline Miller - Ich bin Circe

Buchhandlung Sabine Jünemann

Eisele Verlag, 500 Seiten, 24,00 €

Wie wäre es, die Menschheit durch die Augen der Göttin Circe zu betrachten und dabei ganz neue Einblicke in die griechische Mythologie zu gewinnen?

Fesselnd wird zunächst Circes Kindheit und Jugend im Palast ihres Vater Helios erzählt. Ihr Verhältnis zu Vater und Mutter ist unterkühlt, und die älteren Geschwister hänseln sie wegen ihrer menschlich klingenden Stimme. Nur zu ihrem jüngeren Bruder Aietes scheint sie eine Beziehung aufbauen zu können. Als auch Aietes sie enttäuscht und verlässt, wendet sie sich von der Götterwelt ab, und der Menschenwelt zu.

Circe verliebt sich in den Menschen Glaukos und möchte für immer mit ihm zusammen bleiben. Deshalb verstößt sie öffentlich gegen die Regeln der Götter und verwandelt ihn in eine niedere Gottheit. Sie wird dafür mit ewiger Verbannung auf die Insel Aiaia bestraft. Dort wird sie zur Kräuterkundigen und schult ihr Talent für Verwandlungen.

Sprachlich gut erzählt und spannend schildert der Roman das Leben der Göttin Circe und wie sie sich zur uns bekannten berüchtigten Hexe entwickelt. Sehr lesenswert mit einem überraschenden Schluss, bekommt man einen erfrischend neuen Blick auf die griechische Mythologie. Der Anhang verhilft zu neuen Wissen über die Persönlichkeiten der Götter- und Heldenwelt Griechenlands oder frischt es auf, wenn nötig.

Madeline Miller hat auf 500 Seiten die Antike lebendig werden lassen. Das Buch lädt zum Abtauchen in eine andere Welt ein und eignet sich hervorragend als Geschenk für Leser, die sich für die antike Mythologie interessieren.

Von Luise Harloff



Unser Buchtipp im DK vom 25.11.19

Rafik Schami - Die geheime Mission des Kardinals

Buchhandlung Sabine Jünemann

Hanser Verlag, 431 Seiten, 26,00 €

Alles beginnt im Jahr 2010 mit der Auslieferung eines Fasses Olivenöl für die Küche der italienischen Botschaft in Damaskus. Als der Koch das Fass ansticht tröpfelt es nur sachte, statt dass sich ein goldgelber Strahl daraus ergießt. So wird das Fass geöffnet. Heraus fällt eine in Plastik verpackte Leiche.

Der Tote entpuppt sich als niemand anderes als der Kardinal Angelo Cornaro, einem der päpstlichen Ratgeber. Natürlich wird die syrischen Polizei informiert, und Kommisar Barudi übernimmt die Ermittlungen. Schützenhilfe erhält der syrische Kommissar von einem italienischen Kollegen, der ihn sogleich über die politischen Feinheiten der vatikanischen und italienischen Zuständigkeiten aufklärt.

Der Kardinal war einem Rätseln auf der Spur, welches sich nur vor Ort in Syrien aufklären ließ und dessen Lösung ob der unterschiedlichen Glaubensrichtungen sehr diffizil zu werden versprach. Ein muslimischer Wunderheiler, der sich auf Jesus Christus beruft, im Stammesbereich der Drusen lebend? Wahrlich nicht einfach!

Rafik Schami hat eine moderne Fabel über die politische Situation in Syrien in einen Roman mit kriminalistischen Zügen verpackt. Informativ, spannend und sehr nachdenklich zu lesen. Nach dieser Lektüre kann man vielleicht ansatzweise die politischen Gegebenheiten verstehen, soweit es einem Europäer möglich ist.

Von Sabine Jünemann



Unser Buchtipp im DK vom 18.11.19

Renate Feyl - Die unerlässliche Bedingung des Glücks

Buchhandlung Sabine Jünemann

Kiepenheuer & Witsch, 428 Seiten, 24,00 €

Wer gut erzählte historische Romane liebt, für den ist das neue Buch von Renate Feyl genau die richtige Lektüre. Sie beschreibt den Beginn der deutschen Arbeiterbewegung in Deutschland anhand der Begegnung zwischen Ferdinand Lassalle und der Gräfin Sophie von Hatzfeldt in so starken Bilder, dass man glaubt, sich mitten im Geschehen zu befinden. Der Student Lassalle macht es sich zur Aufgabe, der zwanzig Jahre älteren Gräfin bei der Scheidung von einem der reichsten und einflussreichsten Männern des Landes zu helfen, der ihr in den vielen Jahren Ehe nur Leid in jeglicher Form zugefügt hat. Sie wiederum unterstützt den temperamentvollen Lassalle zusammen mit ihrem jüngsten Sohn Paul bei seinen politischen Aktivitäten.

Auch durch Verleumdungen, Erpressungen und Gefängnisaufenthalte lassen sie sich nicht davon abhalten, für ihre Sache zu kämpfen. Die Gräfin Hatzfeldt mit Hilfe von Lassalle für ihre persönliche Freiheit und beide zusammen auch für die Freiheit aller und dem damit verbundenen Umbruch. Ein leichter, unterhaltsamer Einstieg in die Zeit der Revolution und die Anfänge der Sozialdemokratie, behutsam verpackt in eine spannende Geschichte von Verrat und Liebe.

Von Karin Skrzypczak