Buchtipp

Unser Buchtipp im DK vom 20.9.21

Monika Gutiérrez - Der fabelhafte Buchladen des Mr. Livingstone

Der fabelhafte Buchladen des Mr. Livingstone

Thiele Verlag, 301 Seiten, 20,00 €

Agnes Martis großes Vorbild ist neben Howard Carter unter anderem Indiana Jones. Ihr großes Lebensziel istes, als Archäologin zu arbeiten. Doch wie eine Stelle finden? In Barcelona, ihrer Heimatstadt, findet sie keine Anstellung. So durchquert sie halb Europa, um in London einen neuen Lebensweg zu beginnen. Zunächst jedoch ist es auch in der quirligen britischen Hauptstadt kein leichtes Unterfangen, Arbeit zu finden, und Agnes wird immer trauriger. Ihre Vermieterin Jasmine schickt sie in den Temple Bezirk in der Hoffnung, ihre melancholische Untermieterin so aufzuheitern zu können.

In den verwinkelten Gassen verläuft sich Agnes hoffnungslos und flüchtet sich vor den Unbilden des englischen Wetters in „Moonlight Books“, die einladendste und schönste Buchhandlung, die sie je betreten hat. Mr. Livingstone begrüßt sie herzlich. Der Besitzer dieses fabelhaften Buchladens ist entzückt von der Fee, die ihm so durchnässt in seine warmen Gefilde geweht wurde, sucht er doch eine Aushilfe.

„Der fabelhafte Buchladen des Mr. Livingstone“ ist ein Roman zum Träumen und Schwelgen, nicht nur für Bibliophile, sondern für alle Menschen, die eine kleine Auszeit benötigen oder sich von den Unbilden des Wetters ablenken wollen. Ein Genuss, der noch erhöht werden kann durch eine gute Tasse Tee oder was sonst das Herz erfreut.

Von Sabine Jünemann



Unser Buchtipp im DK vom 13.9.21

Ellinor Skagegard - Fanny Mendelssohn unerhörtes Gespür für Musik

Fanny Mendelssohn unerhörtes Gespür für Musik

Insel Verlag, 237 Seiten, 14,00 €

Als Fannys Großvater Abraham Mendelssohn Einlass in die Berliner Stadt begehrte, war von jüdischer Kultur und Aufklärung noch keine Rede. Ihm dem philosophischen Geist ist diese Großtat zu verdanken. Seine Enkel Fanny und Felix wuchsen bereits in privilegierten Verhältnissen auf. Die Eltern waren wohl situiert und sorgten für eine gute Erziehung, wozu neben Sprachen auch Musikunterricht gehörte. Den ersten Klavierunterricht erhielten die Geschwister durch ihre Mutter Lea, selbst eine begabte Pianistin.

Fanny Mendelssohn wird am 14. November 1805 in Altona, das damals zu Dänemark gehörte geboren, jenem Tag als die französischen Truppen Wien erreichen. Unruhige Zeiten, aber sehr einträgliche für die Bankiersfamilie. Ihr Bruder Felix am 3. Februar 1809 ebendort.

Fanny ist begabt. Als Ältere ist sie ihrem Bruder um Vieles voraus, und die beiden wetteifern miteinander um Aufmerksamkeit und Unterricht. Als Friedrich Carl Zelter, der Leiter der Berliner Singakademie, den Unterricht übernimmt, ist sein Interesse an Felix naturgemäß größer. Schließlich ist Fanny ja nur ein Mädchen und wird irgendwann heiraten. Für eine Frau aus guter Familie gehörte es sich damals nicht, einen Beruf auszuüben. So steht Fanny bis kurz vor ihrem Tod am 14. Mai 1847 noch immer im Schatten ihres berühmten Bruders Felix Mendelssohn-Bartholdys. Gerade hat sie sich doch entschlossen, einen Teil ihres Werkes einem Verleger zu übergeben, als sie an einem Schlaganfall stirbt und ihr musikalisches Vermächtnis im Vergessen versinkt bzw. auch in Teilen ihrem Bruder zugeschrieben wird.

Wer diese Frau war, die zeitlebens um ihre musikalische Anerkennung ringen musste, beschreibt die schwedische Kulturjournalistin Ellinor Skagegard eindrucksvoll und fundiert. Sehr lesenswert und vor allem sehr informativ.

Von Sabine Jünemann



Unser Buchtipp im DK vom 6.9.21

Julia Blesken - Mission Kolomoro oder: Opa in der Plastiktüte

Mission Kolomoro oder: Opa in der Plastiktüte

Oetinger Verlag, 288 Seiten, 15,00 €

Katjas Ferien haben gerade erst angefangen, und bereits am Morgen des ersten Ferientages bekommt sie Streit mit Papa wegen zweier Schokoküsse, die sie bestimmt nicht gegessen hat. Wütend rennt sie die Treppe hinunter und malt noch schnell eine riesige Ratte mit ihrem roten Wachsmalstift an die Wand im Treppenhaus. Papa würde toben, wenn er das gesehen hätte.

Unten auf dem Parkplatz trifft sie auf Zeck, Fridi, Musti, Polina und Jennifer, ihre Freunde. Jennifer hat Opa dabei - in einer Porzellanschüssel in der Plastiktüte!?

Sie hat ihrem Opa versprochen, ihn nach Kolomoro zu bringen, das geht jedoch nur mit seiner Asche! Spontan erklären sich alle anderen Kinder bereit, ihr zu helfen und starten die ‚Mission Kolomoro‘.

Nun beginnt das, was man in Kino und Fernsehen einen Roadtrip nennen würde. Auf einem Roadtrip wächst man über sich hinaus und lernt vieles dazu. Zum Beispiel, dass man einen Ort auch ohne Handy finden kann, oder was ein Vorurteil ist.

In dieser turbulenten und spannenden Geschichte erleben Menschen ab 9 Jahren, wie wichtig echte Freunde sind und dass man sich immer sein eigenes Urteil bilden sollte! Der wunderbar skurrile Kinderroman „Mission Kolomoro oder: Opa in der Plastiktüte“ von Tanja Blesken hat, meiner Ansicht nach, vollkommen zurecht den Kirsten-Boie-Preis der Hamburger Literaturstiftung bekommen. Eine Geschichte die nicht nur Mut macht, sondern auch zu Toleranz auffordert.

Unbedingt lesenswert!

Von Luise Harloff



Unser Buchtipp im DK vom 30.8.21

Andreas Izquierdo - Revolution der Träume

Revolution der Träume

Dumont Verlag, 504 Seiten, 16,00 €

Berlin 1918, wenige Tage nach dem Matrosenaufstand. Der Kaiser hat abgedankt. Die Stadt brodelt wie ein jederzeit überkochender Kessel. Alles scheint möglich. Freiheit oder Tod, Friede oder Revolution. In dieser Stadt trifft ein junger Fotograf aus der Provinz ein: Carl Friedländer. Er hat sich aufgemacht, nicht nur sein Glück als Fotograf und Kameramann zu machen, sondern auch seine Jugendfreunde wiederzufinden. Arthur Wagner und Luise Beese, genannt Isi.

Auf der Suche nach dem besten Blickwinkel für seine Kamera steht sie plötzlich wie aus dem Boden gewachsen vor ihm: Isi seine Freundin aus Kindertagen, noch immer so schlagfertig und vor allem mit dem Mut für eine ganze Armee. Jetzt müssen sie nur noch Arthur wiederfinden, und das infernalische Trio, das vor dem Krieg dem Halley’schen Kometen und der Thorner Gesellschaft trotzte, wäre wieder vereint.

Im Berlin der beginnenden 20er Jahre scheint alles möglich. Hier wo Armut und Reichtum ebenso ungebremst aufeinanderprallen wie Wahrheit und Fiktion ist der beste Tummelplatz für ein verschworenes Trio, das sich aufmacht, die Welt zu erobern und eintritt für ein besseres Leben mit allen Mitteln, seien sie gerecht oder unlauter.

Ein fulminanter Roman, der die Leser anzieht und fesselt bis zum dramatischen Schlusspunkt. Berlin mit den Lichtern der Großstadt und eine Freundschaft, die ihresgleichen sucht.

Von Sabine Jünemann



Unser Buchtipp im DK vom 23.8.21

Lucy Adlington - Das rote Band

Das rote Band

Magellan Verlag, 335 Seiten, 18,00 €

Ein rotes Band – ein kostbares Geschenk oder eine rührende Erinnerung?

Dieses bunte Band bedeutet sehr viel für das junge Mädchen aus diesem Roman. Es heißt Ella und landet per Zufall in der Schneiderei. Es ist keine gewöhnliche Werkstatt, sondern ein eigens gegründetes Atelier in Auschwitz-Birkenau, eingerichtet von der Frau des Lagerkommandanten. Wie gut, dass Ella seit ihren Kinderzeiten der Großmutter beim Schneidern geholfen hat. Selbstsicher verkündet sie, die beste Zuschneiderin und Designerin zu sein, und tatsächlich findet ihre erste Kreation sofort Anklang.

Es sind nur ausgewählte Frauen, die hier arbeiten dürfen, insgesamt sind es derer fünf: Ella, Rosa, Frauke, Sarah und Birgit. Jede dieser Frauen hat ihre eigene Geschichte und Träume und alle versuchen von der jüngsten in ihrer Runde den Mut und die Zuversicht zu erlangen, die ihnen selber manchmal fehlen. Denn jedes gelungene Kleidungsstück entscheidet über ihrer aller Überleben. Ein Tanz von Nähnadel, Schere und Bügeleisen in perfekter Synchronizität untermalt von den Erzählungen und Geschichten Rosas, der Träumenden.

Dieses Schneideratelier in Auschwitz-Birkenau hat es tatsächlich gegeben. Beeindruckend und berührend, wie es die Autorin geschafft hat, diesen namenlosen Wesen Präsenz und Stimme zu verleihen.

Ella hat übrigens geschummelt, sonst wäre sie nämlich nie in diesem Atelier gelandet. Vielleicht erraten sie es ja, was so wichtig zu verbergen war.

Lesen sie selbst und lernen mit diesem einfühlsamen, nachdenklichen und sehr lesenswerten Roman das Pendant zu „Der Junge im gestreiften Pyjama“ kennen. Ein Päckchen Taschentücher sollten sie sicherheitshalber bereitlegen, denn die werden sie brauchen.

Von Sabine Jünemann



Unser Buchtipp im DK vom 16.8.21

Wolf Harlander - Systemfehler

Systemfehler

Rowohlt Verlag, 269 Seiten, 16,00 €

Wenn man früher im Zug oder mit dem Bus gefahren ist, lasen die Mitreisenden ein Buch oder die Zeitung. Heute sitzen fast alle über ihr Smartphone gebeugt. Es ist schon selbstverständlich geworden, dass im Zug und sogar in Bussen und Straßenbahnen W-Lan angeboten wird und somit jeder einen kostenfreien freien Zugang zum Internet hat.

Wie verärgert reagiert man, wenn dieser Zugang nicht funktioniert! Eine Einschränkung in der Freizeitbeschäftigung, wie empörend! Aber ist das wirklich die einzige Folge, wenn das weltweite Netz ausfällt?

In Wolf Harlanders Roman „Systemfehler“ ist auch für Daniel Faber und seine Familie funktionierendes Internet eine Selbstverständlichkeit, bis es mitten in der Urlaubszeit in ganz Europa zusammenbricht. Die Folgen sind katastrophal: Flugzeuge können nicht landen, Ärzte nicht operieren, viele Kommunikationswege sind unterbrochen. Nelson Carius, Ermittler beim BND, vermutet, dass ein hochkomplexes Computervirus hinter den Internetausfällen steckt und verdächtig ausgerechnet Daniel Faber.

Der IT-Experte ist gezwungen unterzutauchen, um auf eigene Faust zu ermitteln um seine Unschuld zu beweisen. Und dann ist da auch noch die Sorge um seine Frau und die beiden Töchter, die im Flieger nach Frankreich unterwegs waren.

Wolf Harlander ist nach „42 Grad“ mit „Systemfehler“ wieder ein packender Thriller gelungen, in welchem er zeigt, wie abhängig die moderne Welt bereits jetzt vom Internet ist.

Sehr spannend und unbedingt lesenswert.

Von Luise Harloff



Unser Buchtipp im DK vom 9.8.21

Petra Hucke - Die Architektin von New York

Die Architektin von New York

Piper Verlag, 398 Seiten, 12,99 €

Emily Warren ist das Nesthäkchen der Familie. Nach dem frühen Tod des Vaters lebt sie unter der Obhut ihrer Mutter und der Vormundschaft ihres Bruders, eines Generals der Union. Trotz aller Einschränkungen in den letzten Jahren nach Ausbruch des amerikanischen Bürgerkrieges interessiert sie sich für die Frauenrechte und brennend für Naturwissenschaften.

Auf einem Benefizball für die Verwundeten, den ihr Bruder General Warren ausrichtet, lernt sie dessen Adjutanten Washington John Roebling kennen. Begeistert folgt sie seinen Ausführungen über den Bau einer Brücke, um die Städte Manhattan und Brooklyn mittels einer Brücke zu verbinden. Die junge Frau verliebt sich in den gutaussehenden Ingenieur und heiratet ihn.

1865 nach dem Ende des Bürgerkrieges ziehen die beiden Jungvermählten nach New York, aufgeregt und zuversichtlich. Sie wollen John A. Roebling, dem Vater helfen die geplante Brücke über den East River zu bauen. Es wird eine kolossale Aufgabe werden, die viele Opfer fordern wird und Emily keine kleine Leistung abverlangen wird, denn eines der Opfer ist ihr Mann. Er kann die Baustelle nicht mehr betreten. Gegen alle Anfeindungen realisiert die kluge Emily mit ihrem naturwissenschaftlichen Verstand den Bau einer Brücke, die damals einer Sensation gleichkam.

Petra Hucke ist mit dieser Romanbiographie gelungen die Lebensgeschichte Emily Warren Roeblings zu erzählen, die nicht nur Ehefrau und Mutter ein wollte, sondern sich gleichzeitig auch für die Rechte der Frauen einsetzte.

Klug und spannend zu lesen.

Von Sabine Jünemann



Unser Buchtipp im DK vom 2.8.21

Tom Saller - Julius oder die Schönheit des Spiels

Julius oder die Schönheit des Spiels

List Verlag, 336 Seiten, 22,00 €

Julius von Berg entstammt einer alten rheinischen Familie von Winzern und Aristokraten. Aufgewachsen in den Zeiten der Besetzung des Rheinlandes durch die Alliierten nach dem ersten Weltkrieg, besucht er die örtliche Volksschule und erhält gleichzeitig eine elitäre Privatschulausbildung.

Als seine sportbegeisterten Eltern einen privaten Tennisplatz anlegen, ist es um den Jungen geschehen. Dies ist sein Sport. Freiwillig trainiert er seine Schläge bis zur Perfektion. Für ihn ist Tennis mehr als Sport, es ist einerseits eine perfekte mathematische Gleichung und anderseits ein Leben von Fair Play und kriegerischer Auseinandersetzungen ohne Blutvergießen. Ohne es zu wissen, ist es für ihn auch Ausdruck von Lebensfreude und Bestätigung seines Könnens. Er wird es noch weit bringen.

Tom Schaller schickt sich an, nach seinen bisherigen hervorragenden Romanen über das Bauhaus und die königlich preußische Porzellanmanufaktur erneut einen Bestseller zu landen. Julius von Berg ist kein anderer als das Alter Ego Gottfried von Cramms, jenem legendären deutschen Tennischampions der 30er Jahre, der den ersten Tennisboom Deutschlands lange vor einem Boris Becker auslöste. Einfach aus Freude am Spiel und an der Schönheit des Sports: TENNIS.

Beindruckend und ein „Muss“ für alle Tennisliebhaber und ebenso aller Geschichtsinteressierten sowie Leser:innen von Familienromanen.

Von Sabine Jünemann



Unser Buchtipp im DK vom 26.7.21

Mario Fesler - Extrem Gefährlich! Ratte mit Plan

Extrem Gefährlich! Ratte mit Plan

Magellan Verlag, 269 Seiten, 15,00 €

Sophie und ihre Schwester Bernadette sind, nennen wir es einmal, zur Untermiete, bei Pascal und seinen Eltern eingezogen. Trotz der eigentlich paradiesischen Zustände für die beiden, gutes Essen und eine schöne saubere Unterkunft, kommt es zwischen den beiden Ratten zum Streit. Bernadette ist über das im Garten verstreute Rattengift verärgert, während Sophie dies als notwendiges Übel akzeptiert.

So verschwindet die Schwester aus Sophies Leben.

Zunächst eher aus Langeweile, dann aber immer interessierter, beobachtet Sophie nun die Menschen bei denen sie unbemerkt wohnt. Diese Rättin ist offensichtlich hochintelligent. Nur wie konnte es dazu kommen? Und vor allem: Was fängt Sophie mit dieser Gabe an?

Über die im Haus vorhandenen Computer müsste sie doch ihre Schwester wiederfinden können, oder? Wird sie sich dafür als intelligentes Nagetier outen müssen?

In Mario Feslers turbulenter und witziger Geschichte „Extrem gefährlich! Ratte mit Plan“ erfahren Menschen ab 10 Jahren, was Sophie wirklich alles ausheckt! Was hat das alles mit unserem dynamischen Trio, Pascal, Max und Shakira zu tun, die manche vielleicht schon aus „Maus mit Mission“ und „Hamster undercover“ kennen? Das wird hier natürlich nicht verraten!

Ein toller Lesespaß und nicht nur für die kommende Ferienzeit. Sehr zu empfehlen!

Von Luise Harloff



Unser Buchtipp im DK vom 19.7.21

Pia Rosenberger - Die Bildhauerin

Die Bildhauerin

Aufbau Verlag, 350 Seiten, 12,99 €

Paris 1881 – endlich darf Camille die Kunstakademie Colarossi besuchen. Ihr Vater, der ihr künstlerisches Talent früh erkannt und gefördert hat, bezahlt ihr den Unterricht.

Seit ihrer Kindheit in Villeneuve arbeitet sie mit dem feinen Ton und formt ihn zu Figuren, die entweder kraftvoll oder grazil sind, niemals aber plump. Sie sehnt sich danach, Figuren aus Stein zu arbeiten, Bildhauerin zu werden. Doch wer soll sie unterrichten? Die Akademie lehrt Zeichnen, doch Camille will mehr. Durch die Bekanntschaft mit zwei jungen Engländerinnen, ebenso wie sie Kunststudentinnen, gelingt es den drei Frauen ein eigenes Atelier zu mieten und auch einen Lehrer zu gewinnen, Alfred Boucher.

Camille Claudels Forstschritte sind enorm, und schon bald kann Boucher sie nichts mehr lehren. Sein Kollege Auguste Rodin jedoch schon. Dieser Titan verfügt über ein Können, an dem Camille sich messen kann. Sie wird sein Protegé. Er verschafft ihr Arbeit in seiner Werkstatt, und sie verblüfft ihn mit ihren Fortschritten. Ist sie vielleicht sogar besser als ihr Lehrer?

Auguste Rodin und Camille Claudel beflügeln einander gegenseitig in Ausdruck Struktur und Können, da bleibt es nicht aus, dass aus der gegenseitigen Wertschätzung mehr wird. Camille Claudel brennt lichterloh, nicht nur vor Schaffenskraft, sondern auch vor Liebe zu ihrem Mentor. Kann das gut gehen?

Pia Rosenberger erzählt in ihrem Roman „Die Bildhauerin“ die Jugendjahre der aufstrebenden Künstlerin Camille Claudel, die mutig vorausschreitet, ohne Furcht vor den Konsequenzen die ihr Talent mitbringt. Kenntnisreich und interessant erzählt.

Von Sabine Jünemann



Unser Buchtipp im DK vom 12.7.21

Rebecca Hardiman - Oma lässt grüßen, sie hat deine nervige Tochter entführt

Oma lässt grüßen, sie hat deine nervige Tochter entführt

Insel Verlag, 496 Seiten, 16,95 €

Die irische Familie Gogarty ist wirklich außergewöhnlich. Vater Kevin kümmert sich um die vier Kinder, allerdings nicht so ganz freiwillig, denn er hat vor kurzem seinen Job verloren. Derweil macht seine Ehefrau Grace Karriere.

Kevin fühlt sich für alles verantwortlich, so auch für seine unkonventionelle Mutter Millie, die trotz ihres fortgeschrittenen Alters noch alleine lebt. Weil die alte Dame im örtlichen Laden der Donellys sozusagen „klebrige“ Finger hatte, „überzeugt“ Kevin seine Mama noch auf der Polizeiwache, eine Betreuerin zu akzeptieren. Millie versteht sich glücklicherweise auf Anhieb gut mit ihrer Pflegerin Sylvia. Zur gleichen Zeit wird auch Tochter Aideen immer rebellischer, und ein Internat scheint die einzige Lösung zu sein.

Kevin ist erleichtert, alle Probleme gelöst! Oder?

Kurz danach verletzt sich Millie bei einem Brand in ihrer Küche und muss zur Kurzeitpflege in ein Altenheim ziehen. Dort fühlt sie sich jedoch so eingesperrt und bevormundet, dass sie sofort beginnt, Ausbruchspläne zu schmieden. Auch Aideen fühlt sich im Internat offensichtlich nicht wohl, weshalb Oma Millie zur Tat schreitet: Diese „Gefängnisse“ sind nichts für die beiden Freigeister.

Der Titel von Rebecca Hardimans Roman rund um die turbulente Familie Gogarty legt es nahe, dass Großmutter und Enkelin gemeinsam ausgeflogen sind. Doch wohin?

Eine skurrile Familiengeschichte mit vielen überraschenden Wendungen, die Leserinnen und Leser bis zum Schluss in Atem halten. Ein vergnügliches Leseerlebnis für Zuhause und unterwegs.

Von Luise Harloff



Unser Buchtipp im DK vom 5.7.21

Ralf Langroth - Die Akte Adenauer

Die Akte Adenauer

Rowohlt Verlag, 396 Seiten, 16,00 €

Philipp Gerber steht kurz vor dem Ende seiner Dienstzeit beim CIC, dem militärischen Nachrichtendienst Amerikas, der während des Krieges in Camp Ritchie gegründet wurde. Sein Urlaub hat bereits begonnen, als ihn in aller Herrgotts-Frühe das Telefon aus dem Schlaf klingelt und ihn der Adjutant des Diensthabenden auf der Stelle zu erneutem Dienstantritt beordert. Seine neue Aufgabe: Als verdeckter Ermittler im Rang eines Kriminalhauptkommissars beim BKA den ungeklärten Tod seines Vorgängers aufzuklären und gleichzeitig ein Attentat auf einen Politiker des linken Spektrums zu vereiteln. Keine leichte Aufgabe, zumal als naturalisierter Amerikaner mit deutschen Wurzeln. Gerber fühlt sich hin- und hergerissen nicht nur zwischen Dienst und Gewissen, sondern auch seinen Gefühlen.

Im Jahr 1953 ist die junge Bundesrepublik alles andere als gefestigt. Noch immer gibt es die Ewiggestrigen, die an mehr Einfluss gewinnen möchten, bzw.am liebsten gleich das Rad zurückdrehen wollen. Wem kann der frischgebackene Pass-Deutsche und als Kriminalhauptkommissar agierende Philipp Gerber überhaupt trauen?

Ralf Langroth, das Pseudonym eines renommierten Übersetzers und Autors, hat mit „Die Akte Adenauer“ einen neuen Stern am Krimihimmel aufgehen lassen. Philipp Gerber ist, ebenso wie Gereon Rath aus Volker Kutschers Feder, eine Figur mit Suchtpotential, ohne den doppelten Wortsinn allerdings. Es sei denn man betrachtet seinen Zigarettenkonsum als Sucht.

Wenn Sie sich für die jüngere Geschichte und ihre abgründigen Seiten interessieren, lesen Sie am besten sofort los. Der Nachfolger wird nicht lange auf sich warten lassen.

Von Sabine Jünemann



Unser Buchtipp im DK vom 28.6.21

Daniel Speck - Jaffa Road

Jaffa Road

Fischer Verlag, 665 Seiten, 16,99 €

Als Nina meint, endlich eine Familie gefunden zu haben, die sie über den Verlust des nie gekannten Großvaters, der im 2. Weltkrieg verschollen ist, hinwegtröstet, bricht dieses gerade erst geknüpfte Familienband erneut. Ein Anruf aus Sizilien lädt Nina und ihre Halbtante Joelle zu einer Testamentseröffnung ein.

Wie erstaunt sind die beiden Frauen, als sie erfahren, dass dieser angeblich verschollene Großvater und heißgeliebte Vater seit Jahren hier in Palermo lebte und nun Suizid begangen hat. Noch fassungsloser macht die beiden Frauen, dass zu ihrer versprengten Familie noch ein junger Mann mit palästinensischen Wurzeln gehört, Moritz‘ Sohn Elias.

Wer ist dieser Moritz Reinke gewesen, der einer Frau die Ehe versprach und dann in den Kriegs- und Nachkriegswirren verschwand und zuerst eine junge Frau in Tunesien heiratete, mit der er nach dem Krieg nach Palästina auswanderte. Der nach der Gründung Israels für den Mossad arbeitete, um eine alte Schuld zu tilgen, die letztlich zu einer Liaison mit einer jungen Palästinenserin führte an deren Ende er ihren Sohn Elias adoptierte.

Der Roman „Jaffa Road“ ist ein Mikrokosmos, in dessen Mittelpunkt der Konflikt zwischen Juden, Christen und Arabern steht. Ein Konflikt fast so alt wie die Menschheit, und der diejenigen, die meinen alles zu wissen, zu unwissenden Kindern degradiert.

Daniel Specks Roman „Jaffa Road“ ist einerseits zärtliche Liebesgeschichte und liebevolle Familienerzählung, andererseits ein großes geschichtliche Epos über das Zusammenleben der Kulturen und Religionen mal mehr, mal weniger einträchtig. Ein Spiegelbild des Lebens – schön und traurig zugleich, empfindsam und manchmal voller Gewalt. Eindrucksvoll und wert bis zur letzten Silbe gelesen zu werden.

Von Sabine Jünemann



Unser Buchtipp im DK vom 21.6.21

Bernhard Jaumann - Caravaggios Schatten

Caravaggios Schatten

Galiani Verlag, 303 Seiten, 15,00 €

Rupert von Schleewitz besucht mit einem alten Schulfreund, Alban Posselt, die Gemäldegalerie in Schloss Sanssoucis. Wider besseres Wissen hat er sich vom ihm dazu überreden lassen und ist nun völlig verblüfft, als Alban von ihm verlangt doch das Gemälde Caravaggios “Der ungläubige Thomas“ genau zu betrachten, sehr genau sogar. Als Rupert nichts Auffälliges zu entdecken vermag, zieht Alban zu dessen Entsetzen ein Messer aus seiner Umhängetasche und sticht mehrfach auf das Gemälde ein. Die Verhaftung der beiden erfolgt augenblicklich. Rupert, Chef der angesehenen Kunstdetektei von Schleewitz, hat Mühe sich aus den Fängen der Justiz zu befreien und spannt seine Angestellten ein mit ihm der „Causa Caravaggio“ auf den Grund zu gehen und eine Erklärung für das Verhalten seines Schulfreundes zu finden.

Kaum hat das Team mit den Ermittlungen begonnen, wird das Gemälde auf dem Weg in die Restaurationswerkstatt gestohlen, und niemand geringerer als ihre Detektei wird mit dessen Wiederbeschaffung beauftragt.

Es beginnt ein atemberaubendes Katz- und Mausspiel zwischen Detektei, Polizei und Kunsträubern, um das Gemälde zurück zu erhalten, einerseits, und andererseits das Attentat auf den Caravaggio aufzuklären.

Bernhard Jaumann ist nicht nur ein interessanter Krimi aus dem Kunstmilieu gelungen, sondern auch eine Studie darüber, wie Einflüsse aus der Kindheit des Menschen noch auf ihre Handlungen als Erwachsene wirken.

Ein spannender Kontrast, der die Leser manches Mal verblüfft.

Von Sabine Jünemann



Unser Buchtipp im DK vom 14.6.21

Gustaf Skördeman - Geiger

Geiger

Lübbe Verlag, 496 Seiten, 16,00 €

Die Polizistin Sara Nowak wird von ihrer Kollegin Anna angerufen und erfährt so, dass „Onkel Stellan“ tot ist. Schwedens berühmtester Fernsehmoderator der 70er Jahre wurde ermordet, allem Anschein nach nur wenige Minuten nachdem Kinder und Enkelkinder Stellan Bomans Haus, nach einem Besuch zum Nachmittagskaffee, verlassen haben. Offenbar ist seine Frau, Tante Agneta, seitdem auch verschwunden.

Sara ist bei der „Sitte“ beschäftigt und somit nicht für diesen Fall zuständig. Ihre Freundin Anna, mit der sie seit der Ausbildung befreundet ist, ist die leitende Ermittlerin und weiß, dass Sara ihre Kindheit bei den Bomans verbracht hat.

Durch die Beschäftigung mit dem Fall werden immer mehr Erinnerungen wach, und bei den Recherchen muss Sara feststellen, dass ihre Erinnerung doch etwas trügerisch ist. Kann es wirklich sein, dass Stellan Boman ein Spion für die ehemalige DDR war? Wurde er möglicherweise deshalb ermordet? Gibt es eventuell andere Gründe?

Immer weiter tauchen Leser und Leserinnen mit Sara in die Vergangenheit ein und entdecken, welche Auswirkungen diese auf die Gegenwart haben könnte.

Gustaf Skördeman, ein in Deutschland noch zu entdeckender Autor, ist ein fesselnder Thriller gelungen, der unter anderem die Frage aufwirft, wie lange Schläfer eigentlich Schläfer bleiben können. Falls Sie nicht wissen, was ein Schläfer sein sollte, lesen Sie dieses Buch, Sie werden vielleicht überrascht sein.

Spannende Lektüre für Leser*innen mit starken Nerven, da doch manchmal recht drastisch in seinen Schilderungen.

Von Luise Harloff



Unser Buchtipp im DK vom 7.6.21

Eveline Hasler - Tochter des Geldes

Tochter des Geldes

Dtv, 288 Seiten, 11,90 €

Mentona Moser, Tochter aus begütertem Haus, wurde lange von Gouvernanten und Hauslehrern unterrichtet, bevor sie später in England ein Pensionat besuchte. Hier erfuhr sie von der Settlement-Bewegung, welche unterstützende Sozialarbeit für die Ärmsten leistete. Diese Eindrücke brachten Mentona dazu, einen Teil ihres vom Vater geerbten Vermögens für die Armenhilfe einzusetzen.

Nach Abschluss ihrer Ausbildung setzte sie ihre soziale Arbeit in den Armenvierteln Zürichs fort. Durch diese Arbeit lernte sie Hermann Balsiger kennen, einen Schweizer Sozialdemokraten. Sie heirateten 1909 und bekamen zwei Kinder, wovon eines schwer erkrankte, was letztendlich das Paar auseinanderbringen sollte.

Der I. Weltkrieg hatte auch Auswirkungen auf die neutrale Schweiz. Das Vermögen von Mentonas Vater war in Reichsmark und Rubel angelegt, so dass nicht darüber verfügt werden konnte.

Ihre Geldsorgen endeten mit dem Tod der Mutter, so dass sie 1926 als Delegierte der Internationalen nach Moskau reiste, da sie den kommunistischen Idealen nahestand. Durch Clara Zetkin erfuhr sie dort von der Arbeit der deutschen Kommunistischen Partei. In Moskau gründete sie mit ihrem ererbten Geld ein Waisenhaus und ging später nach Berlin, wo sie mit dem Komponisten Hanns Eisler zusammenarbeitete und sich konspirativ gegen den aufkommenden Nationalsozialismus engagierte. Als sie aufflog, kehrte sie fluchtartig in die Schweiz.

Es gibt noch vieles über diese hochinteressante Frau zu berichten und entdecken. Lesen Sie selbst und entdecken eine der spannendsten Frauengestalten des 20. Jahrhunderts, von der sie wahrscheinlich noch nie zuvor etwas gehört haben, die sich aber zu entdecken lohnt.

Von Sabine Jünemann



Unser Buchtipp im DK vom 31.5.21

Merle Kröger - Die Experten

Die Experten

Suhrkamp Verlag, 688 Seiten, 20,00 €

Die Autorin Merle Kröger hat mit dem Buch „Die Experten“ Familiengeschichte, Zeitgeschichte und Thriller miteinander vereint. Friedrich Hellberg träumt schon als Kind von den Sternen und vom Fliegen und verwirklicht seinen Traum, indem er als junger Mann in die NSDAP eintritt und Flugzeugkonstrukteur wird. Das Ende des Krieges bedeutet für ihn das Ende dieses Traumes, da nichts mehr entwickelt und konstruiert werden darf.

Mit seiner Frau Ingrid, die den Anforderungen des Alltags oft nicht gewachsen ist, und den drei Kindern möchte er in den 60er Jahren einen Neuanfang in Ägypten wagen. Sein Sohn Kai wird in Hamburg bleiben, er hat sich mit seinem Vater auseinandergelebt. Er demonstriert gegen Krieg und Wiederaufrüstung und hat wenig Verständnis für einen Vater, der wie viele andere deutsche Ingenieure, Raketenforscher und Flugzeugbauer nach Kairo gehen will, um dort die Rüstungsindustrie mit aufzubauen und damit Präsident Nasser noch mächtiger werden zu lassen. Aber nicht nur die Experten befinden sich in Ägypten, auch untergetauchte Nazis und Geheimdienstler aller Herren Länder bewegen sich hier relativ ungestört. Geld, Macht und Intrigen ergeben eine explosive Mischung, die auch für Rita Hellberg, der älteren Tochter von Friedrich und Ingrid, nach dem anfänglichen Reiz, den das Land auf sie ausgeübt hat, nicht ohne Gefahren bleibt. Es ist eine faszinierende Welt, die sich im Umbruch befindet und in der sich letztendlich jeder entscheiden muss, auf welcher Seite er stehen will.

Von Karin Skrzypczak



Unser Buchtipp im DK vom 24.5.21

Sheila O’Flanagan - Sommerreise ins Glück

Sommerreise ins Glück

Insel Verlag, 452 Seiten, 10,95 €

„Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erleben“.

Deira O’Brian „borgt“ sich das Cabrio ihres Ex-Lebensgefährten, um doch noch die geplante und bezahlte Reise durch Frankreich zu machen, denn schließlich bezahlt sie die Versicherungsgebühren.

Grace Garvey will mit dem Auto von Dublin nach Cartagena fahren. Die seit langem geplante Reise mit ihrem zwischenzeitlich verstorbenen Mann führt sie an bereits bekannte und neue Orte. Außerdem hat der Verblichene sie gebeten, seine Asche an ihren gemeinsamen Lieblingsplätzen zu verstreuen, da muss sie sich etwas einfallen lassen, denn das ist nicht immer und überall erlaubt.

Wahrscheinlich wären sich die beiden Frauen seit der Fährüberfahrt nie wieder begegnet, hätte Deira sich nicht unterwegs die Rippen geprellt und ihre ursprüngliche Route ändern müssen. Als studierte Kunsthistorikerin und Literaturwissenschaftlerin ist sie ihrer neuen Bekannten bereits an der ersten Station bei der Lösung der Schnitzeljagd-Rätsel eine große Hilfe, so dass die beiden Frauen zusammen weiterreisen. Nicht ahnend, dass diese Reise für beide heilsam sein wird.

Ein Wohlfühlroman mit Esprit, der einem regnerische Tage und ausgefallene Ferien wunderbar versüßt und sogar enpassent noch einen Einblick in Land und Leute sowie Literatur vermittelt.

Viel Vergnügen beim Lesen und, wer weiß, vielleicht schon bald „Bon Voyage“.

Von Sabine Jünemann



Unser Buchtipp im DK vom 17.5.21

Romy Seidel - Die Tochter meines Vaters

Die Tochter meines Vaters

Piper Verlag, 398 Seiten, 12,99 €

Wenn der Name Freud fällt, denkt man fast immer an Sigmud Freud, den berühmten Wiener Psychoanalytiker. Hier geht es jedoch um seine Tochter Anna, ebenfalls Psychoanalytikerin, allerdings mit der Spezialisierung auf Kinder und Jugendliche.

Anna Freud war als sechstes Kind der Familie Freud das Nesthäkchen der Familie und bereits als kleines Mädchen sehr eigenwillig. Als Erwachsene arbeitet sie zunächst als Lehrerin, bevor sie sich der Psychoanalyse zuwandte, der schon lange ihr Hauptaugenmerk galt. Nach der Ausbildung und der Lehranalyse bei ihrem Vater gründete sie in der Wohnung ihrer Eltern eine eigene Praxis. Zugleich war sie neben der Pflege ihres an Krebs erkrankten Vaters auch als Übersetzerin seiner Werke für dessen Verlag ins Englische tätig sowie Vorsitzende der internationalen psychoanalytischen Vereinigung. Ein ausgefülltes und produktives Leben, das sie gerne in ihrer Heimatstadt Wien fortgeführt hätte. Das Schicksal wollte es anders.

Der Einmarsch der Deutschen in Österreich wurde zur Gefahr für die Familie, so dass sie schließlich 1938 in allerletzter Minute emigrierten. Ihr Ziel war London, wo bereits einer ihrer Brüder lebte und von dem Anna hoffte, dass es Ihnen hier gut gehen und sie endlich wieder würde arbeiten können.

Diese Romanbiographie über Anna Freud ist höchst kenntnisreich und daher sehr informativ zu lesen. Sie zeigt uns eine Frau, die bereits als junges Mädchen wusste, was sie interessierte und werden wollte, nämlich Psychoanalytikerin – allen Widerständen, vor allem denen ihrer eigenen Familie, zum Trotz.

Von Sabine Jünemann



Unser Buchtipp im DK vom 10.5.21

Chris Lloyd - Die Toten vom Gare d‘Austerlitz

Die Toten vom Gare d‘Austerlitz

Suhrkamp Verlag, 473 Seiten, 15,95 €

Paris befindet sich im Ausnahmezustand. Alle wichtigen Dokumente sind ausgelagert. Jeden Moment können die Deutschen einmarschieren. Am Morgen des 14. Juni ist es soweit.

Inspécteur Eduard Giral hat gerade seinen Dienst angetreten, als vier Tote in einem Eisenbahnwaggon auf einem Abstellgleis des Gare d’Austerlitz gemeldet werden. Als die Polizei am Bahnhof eintrifft, ist guter Rat teuer. Die Deutschen haben hier bereits ein erstes Bataillon stationiert. Ermitteln im Angesicht des Erzfeindes? Schwierig, fast undenkbar.

Die erste Inaugenscheinnahme ergibt, dass es sich bei den Leichen um junge Männer handelt, die durch Gas starben. Inspécteur Giral steckt in einem Dilemma. Wer die unbekannten Toten sind und wie ihre Personalien ermitteln, wenn keine Akten existieren? Die Deutschen kann er nicht fragen, oder etwa doch?

Es wird ein Katz- und Maus-Spiel, bei dem noch nicht klar ist wer die Maus und wer die Katze sein wird. Chris Lloyd hat einen sehr spannenden Krimi geschrieben, der in Paris schwierigster Zeit spielt und sich bestens als Vorlage für einen großartigen Film Noir des französischen Kinos eignen würde. Jean Gabin, so er denn noch leben würde, wäre die Idealbesetzung. Die Lösung ist eigentlich verblüffend einfach. Doch bis es soweit ist, folgt man als Leser:in dem Ermittlerteam wie ein Schatten, um nichts zu verpassen.

Von Sabine Jünemann



Unser Buchtipp im DK vom 4.5.21

Caronline Bernard - Die Frau vom Montparnasse

Die Frau vom Montparnasse

Aufbau Verlag, 436 Seiten, 12,99 €

„Ja ich will vom Leben alles“.

Simone de Beauvoir, eine Tochter aus gutem Haus, will auf gar keinen Fall so enden wie viele junge Frauen ihrer Generation sowie viele vor und nach ihr. Schon gar nicht wie ihre Mutter, die verheiratet, an Haus, Ehemann und Kinder gebunden ist und von denen die sie nicht geliebt wird.

Simone träumt von einem selbstbestimmten Leben und vor allem vom Schreiben. Zunächst studiert sie Literatur und besteht ihr Examen mit Auszeichnung. Während des Philosophiestudiums lernt sie ihren Kommilitonen Jean Paul Sartre kennen. Seine Klugheit fasziniert sie und treibt sie gleichzeitig an. Diese Intelligenz, die wissenschaftlichen Dispute, sie fühlt sich ihm seelenverwandt. Die beiden so ungleichen Charaktere schließen einen Pakt, der bis an ihr Lebensende halten wird, allen Widrigkeiten zum Trotz.

Bis aus Simone jedoch „Madame de Beauvoir“, die Ikone der Frauenbewegung, wird, sollen noch Jahre vergehen. Zu scharfsinnig sind ihre Gedanken zum Frausein, Weiblichkeit und deren Intellekt. Im frühen 20. Jahrhundert war es nicht üblich, dass Frauen derart kritisch dachten und schrieben. Der Kampf um das, was sie selbst und viele Frauen wollen, wird jedoch nicht vergebens sein.

Simone de Beauvoir ist heute als gefeierte Vordenkerin geachtet und geliebt. Ihr Pakt mit Sartre gab ihr viel, war jedoch auch kräftezehrend.

Caroline Bernards Roman über die junge Simone de Beauvoir lässt uns eintauchen in das Paris der Vorkriegszeit bis in die 50er Jahre, als Beauvoir und Sartre in Paris den Existenzialismus begründeten und damit vorläufig den Gipfel erklommen.

Eindrucksvoll und sehr lesenswert.

Von Sabine Jünemann



Unser Buchtipp im DK vom 26.4.21

Camilla Trinchieri - Toskanisches Vermächtnis

Toskanisches Vermächtnis

Insel Verlag, 362 Seiten, 10,00 €

Ein kleines Dorf in der Toskana wird zur neuen Heimat von Nico Doyle. Der Ex-Cop ist aus Amerika in den Heimatort seiner verstorbenen Frau gezogen. Hier hat sie ihre letzte Ruhe auf dem Friedhof gefunden und er die Nähe zu ihrer Familie, die hier ein Restaurant betreibt. Ein lange leer stehendes Haus eines Weingutbesitzers wird zu seinem neuen zu Hause, und während er es wohnlich und winterfest macht, läuft ihm zur Gesellschaft ein kleiner, streunender Hund zu.

Dieser führt ihn eines Morgens laut bellend in den Wald in der Nähe seines Hauses, in dem er einen Toten findet. Ein brutaler Mord wie er ihn hier nie vermutet hätte und vor dem er hoffte, hier in Italien seine Ruhe zu haben.

Der zuständige Kommissar Salvatore Perillo spannt ihn jedoch sofort bei den Ermittlungen mit ein. Ein so erfahrener Polizist kann ihm nur nützlich sein, vor allem, wenn es sich bei dem Toten augenscheinlich um einen Amerikaner handelt. Ohne Wein, Espresso und vorzüglicher italienischer Küche finden in der Toskana auch keine Morduntersuchungen statt, was das Ganze doch etwas entspannter gestaltet. Bis Nico Doyle spürt, wie die Lösung des Falles nicht nur immer mehr in die Vergangenheit führt, sondern auch seiner Familie immer näher kommt.

Spannende, stimmungsvolle Unterhaltung die vom Urlaub in der Toskana träumen lässt.

Von Karin Skrzypczak



Unser Buchtipp im DK vom 19.4.21

Megan Coley Peterson - Lügentochter

Lügentochter

Magellan Verlag, 319 Seiten, 17,00 €

„Davor“ hat Piper ein fast beschauliches Leben mit ihren Geschwistern in einem Haus auf dem stillgelegten Gelände eines Freizeitparks geführt. Dort war alles streng geregelt, und die Tanten wachten darüber, dass die Kinder sich an diese Regeln hielten. Nur selten kamen die Eltern zu Besuch.

„Danach“ lebt sie bei dieser Frau. Sie fühlt sich gefangen gehalten und unablässig beobachtet. Tatsächlich sind ihr viele Türen im Haus verschlossenen, und das Grundstück ist eingezäunt, eine Flucht scheint fast unmöglich. Der Vater hat die Kinder gewarnt und sie gut vorbereitet, also wird Piper entkommen.

Seltsamerweise scheinen sich ihre Erinnerungen allmählich zu verändern. Kann sie sich selbst noch trauen und welche Wahrheit steckt hinter den Andeutungen dieser Frau?

Haben ihr die Eltern vielleicht nicht die Wahrheit gesagt? In Rückblenden, die als ‚Davor‘ gekennzeichnet sind, wird das Leben, das Piper geführt hat, immer klarer, und bald schon erkennt man, dass sie in einer Sekte aufgewachsen ist.

Doch die als ‚Danach‘ gekennzeichneten Passagen geben Rätsel auf. Was ist wirklich mit ihr geschehen, und wie wird sich ihre Zukunft gestalten?

Ein spannender Roman über die Mechanismen einer Sekte, und ob und wie man sich daraus befreien kann.

Die Autorin Megan Coley Peterson war selber Mitglied einer dieser streng religiösen Gemeinschaften und hat diese aus eigenem Antrieb verlassen. Ihre weitere gründliche Recherche und die eigene Betroffenheit haben dafür gesorgt, dass hier eine authentische Geschichte für Menschen ab 14 Jahren entstanden ist, die fesselt, oft wütend macht und einen sehr nachdenklich zurücklässt. Absolut lesenswert.

Von Luise Harloff



Unser Buchtipp im DK vom 12.4.21

Zoe Brisby - Reise mit zwei Unbekannten

Reise mit zwei Unbekannten

Eichborn Verlag, 413 Seiten, 18,00 €

Keine Angst, liebe Leserinnen und Leser, dies wird kein mathematisches Abenteuer! Im Gegenteil, es ist eine burleske Schelmengeschichte über einen jungen depressiven Mann namens Alex (seine große Liebe will nichts von ihm wissen) und Maxine, einer alten Dame, die beschlossen hat, ihrem Altersheim (sie nennt es das Gefängnis) zu entfliehen.

Die beiden haben sich über die Mitfahrzentrale kennengelernt. Alex hat nach einem Beifahrer gesucht, der ihn nach Brüssel begleiten will. Die Interessen, die jeder für sich angegeben hat, Maxine (Technik, Whisky und Tour de France) lassen Alex auf einen Mann am gemeinsamen Treffpunkt warten, während Maxine auf eine Frau wartet (Alex Interessenangaben: Museen, Reise und Literatur). Nach anfänglicher Verwirrung gestaltet sich die Fahrt für beiden als wahres Abenteuer, vor allem für Alex, hat doch Maxine beschlossen, sein Selbstwertgefühl und vor allem sein Äußeres aufzupolieren.

Vollends chaotisch wird die Tour der beiden Reisenden, als sie herausfinden, dass Alex wegen Entführung von Maxine von der Polizei gesucht wird.

Ein köstlicher Roman voller Humor und Wärme, der die Leser beglückt aus diesem Abenteuer wieder auftauchen lässt.

Von Sabine Jünemann



Unser Buchtipp im DK vom 5.4.21

Nova Hill - The Woods - Die vergesse Anstalt

The Woods - Die vergesse Anstalt

Oetinger Verlag, 319 Seiten, 14,00 €

Ira steht mit ihrem Bruder Vanjo an der Straße vor der Turnhalle und streitet mit ihm. Vanjo soll sie begleiten und bei ihrem Turnwettkampf anfeuern. Er lehnt ab, und Sekunden später wird er beim Überqueren der Straße von einem Auto erfasst und ist sofort tot.

Schweißgebadet wacht Ira auf und ist erleichtert, aber der Tag ist ihr jetzt verdorben. Dabei hat sie sich so auf das Biologieprojekt im Wald gefreut. Der Traum scheint ein schlechtes Omen gewesen zu sein, denn im Laufe des Tages verirren sich Vanjo und Ira im Wald.

Bei der alten verlassen Lungenheilanstalt treffen sie auf ihren Projektleiter Mark und eine Gruppe Back-Packer, die zu einem Boot Camp unterwegs sind. Seltsamerweise funktionieren die Handys und GPS-Geräte hier nicht. An diesem Tag scheitern alle Versuche, das Gelände um die Heilanstalt zu verlassen und durch den Wald in die Zivilisation zurück zu finden.

Immer mehr seltsame Vorfälle ereignen sich. Was wird noch alles passieren und vor allem, wird die Gruppe nach Hause zurückkehren?

Nova Hill hat einen schweißtreibenden Mystery-Thriller für Menschen ab 14 Jahren geschrieben, der einem immer wieder den Atem stocken lässt. Der spannende Auftakt einer Trilogie, deren Abschlussband im April diesen Jahres erscheint.

Unbedingt empfehlenswert für alle Leser, die sich gerne in eine geheimnisvolle Szenerie entführen lassen.

Von Luise Harloff



Unser Buchtipp im DK vom 29.3.21

Andreas Götz - Die im Dunkeln sieht man nicht

Die im Dunkeln sieht man nicht

Fischer Verlag, 444 Seiten, 11,00 €

Karl Wiener war nach dem Krieg in Berlin gestrandet. Hier hatte er zuvor als Drehbuchautor und Familienvater glückliche Stunden verlebt. All dies ist durch den Krieg vernichtet worden, nur er ist übriggeblieben, ohne Elan und ohne Geld. Die Luftbrücke galt nicht für ihn, der im Osten der Insel Berlin lebte.

Nun hat ihm der Georg, ein alter Schulfreund aus München, eine Stelle als Reporter fürs Feuilleton seiner neuen Illustrierten-Zeitung eine Stelle angeboten. Eigentlich wollte Karl nie wieder in seine Heimatstadt und schon gar nicht in sein Elternhaus, diesen braunen Sumpf.

Trotzdem, da der Mensch von etwas leben muss, setzt er sich auf die Spur eines Raubüberfalles, bei dem unter anderem ein wertvolles Bild gestohlen wurde, das bei einem der letzten Schatzzüge der Nazis gestohlen wurde und bisher als verschollen galt. Der Anfang ist schwer, hat Karl doch gar keine Kontakte mehr in dieser Nachkriegsstadt, die schon auf das Wirtschaftswunder hinarbeitet. Ihm scheint dieser Satz aus Brechts Dreigroschenoper „denn man sieht nur die im Lichte, die im Dunkeln sieht man nicht...“ sehr wahr. Bei wem anfangen? Zum Glück sind da seine Nichte Magda und ein anderer Schulfreund, der Ludwig, der jetzt bei der Kriminalpolizei arbeitet, die ihn in die Szene einweisen.

Andreas Götz hat gut daran getan, seinen Roman in dieser Zeit des Aufbruchs aus dem Nachkriegsdesaster anzusiedeln. Manches funktioniert bereits wieder und anderes nur mit Beziehungen. Vor allem aber diese Gemengelage aus dem „noch Zuständig sein der Alliierten“ und dem Wunsch der Deutschen endlich wieder selber über ihre Rechte verfügen zu können. Zugleich sind da die alten Ressentiments gegenüber den überlebenden und zurückgekehrten jüdischen Mitbürgern, den Zugezogenen und Flüchtlingen, das ganz normale Chaos also. Prinzipiell könnte es auch jetzt spielen. Schmuggel hat immer Konjunktur, da zählt ein Menschenleben nur wenig.

Dieser Kriminalroman ist ein zeitgeschichtliches Abbild des ganzen Landes, in dem jeder seines Glückes Schmied war.

Von Sabine Jünemann



Unser Buchtipp im DK vom 22.3.21

Tom Hillenbrand – MONTECRYPTO

Montecrypto

Kiepenheuer & Witsch, 441 Seiten, 16,00 €

Los Angeles, heute. Ed Dante, Detektiv, steht vor dem Tor einer sündhaft teuren Villa. Seine Visitenkarte wird ihn als „Financial Forensics“ ausweisen. Etwas hochgestochen, aber das bleibt nicht aus, wenn man in L.A. etwas werden will. Dante ist insgesamt ein eher monochromer Typ, jemand dem das Lügen schwerfällt, der sich besser mit Büroarbeit als mit Ballermännern auskennt. Wer ihn engagiert sucht nicht nach einem Mörder, sondern nach den finanziellen Hinterlassenschaften des Verstorbenen. In diesem Fall einem reichen Start-Up-Unternehmer. Die Klientin ist dessen Schwester, auch nicht unbetucht und sehr exzentrisch. Sie verdient ihr Geld mit „Cosplay“ und wird als „Nerdgirl extraordinaire“ bezeichnet. Als sie dem Detektiv allerdings eröffnet, dass ihr Bruder vermutlich einen milliardenschweren Schatz - Ed bezeichnet es eher als Steuerhinterziehung – in Form von Bitcoins, einer Kryptowährung, irgendwo offline versteckt hat, ist selbst der smarte Ermittler etwas ratlos, wie dieser Fall zu lösen sein könnte.

MONTECRYPTO erinnert sowohl an Dashiell Hammetts „Malteser Falke“ - an einer Stelle fällt Dante unter anderem auf, dass er ganz klar nicht Sam Spade ist – als auch an Alexandre Dumas' „Graf von Monte Christo“. Niemand in dieser Geschichte ist genau das, was er vorgibt zu sein.

Der Autor nimmt den Leser mit in die Welt der Nerds, Cosplayer und digitalen Goldgräber. Sie fühlen sich etwas verwirrt? Keine Sorge, da geht es Ihnen nicht anders als Ed Dante, dessen Spezialitäten eher unergründliche Bilanzen und Streuerklärungen sind. Mit ihm lernt der geneigte Leser diese faszinierende, den meisten jedoch unbekannte Welt näher kennen. Tom Hillenbrands Bezug zu den aktuellen Geschehnissen rund um Bitcoins und abgehobene Finanztricks rund um den Globus ist unglaublich spannend und sehr rasant zu lesen.

Falls jemand Ähnlichkeiten zu real existierenden Personen findet, so sind die natürlich rein zufällig.

Von Sarah Klecker



Unser Buchtipp im DK vom 15.3.21

Natsu Miyashita - Der Klang der Wälder

Der Klang der Wälder

Insel Verlag, 239 Seiten, 20,00 €

Der Tag, an dem sein Lehrer seinen Schüler Tomura bittet, dem bestellten Klavierstimmer zu assistieren, verändert dessen Leben von Grund auf. Er, der sich bisher für keinen Beruf interessierte, taucht ein in eine faszinierende Klangwelt, Töne, die ihn an seine Heimat erinnern, die tiefen Wälder und dunklen Täler - eingebettet in die entfernte Bergregion aus der er stammt und in welcher der junge Mann seine Kindheit verbracht hat.

Sein Berufswunsch steht fest, er will das Handwerk des Klavierstimmers erlernen. Die Hingabe, mit der er sich seinem Beruf widmet, ist immer von der Angst begleitet, zu scheitern, und gleichzeitig von dem Wunsch, ja geradezu dem Bedürfnis, getrieben, den perfekten Klang für den Pianisten beziehungsweise der Klavierspielerin zu finden. Doch gibt es den perfekten Klang überhaupt?

Die Autorin Natsu Miyashita, selbst eine begeisterte Pianistin, hat mit ihrem Buch „Klang der Wälder“ einen ebenso poetischen wie nachdenklichen Roman vorgelegt, der die Leser:innen beglückt und inspiriert zurücklässt. Ein Roman, der noch lange nachklingt und vielleicht sogar die Lust weckt, selbst zu spielen. Zu Recht haben die japanischen Buchhändler diesen Roman zu ihrem Lieblingsbuch erkoren. Vielleicht wird es auch das Ihre? Meines ist es jedenfalls schon jetzt! Sayonara.

Von Sabine Jünemann



Unser Buchtipp im DK vom 8.3.21

Stephanie Schuster - Milena und die Briefe der Liebe

Milena und die Briefe der Liebe

Aufbau Verlag, 367 Seiten, 12,99 €

Selbstbewusst, streitbar, kritisch und gebildet ist die junge Milena aus Prag. Sie stammt aus einer gutbürgerlichen Familie und studiert an der Prager Universität. An ihrem 20. Geburtstag lernt sie im Ständetheater den Theaterkritiker Ernst Pollak kennen und verliebt sich in ihn. Er führt sie ein in den Literaturzirkel, der sich regelmäßig im Café Arco trifft. Begeistert taucht die junge Frau ein in den Kreis rund um Max Brod, Ernst Pollak und Kollegen. Hier lernt sie auch Franz Kafka kennen.

Als ehemalige Schülerin des Minerva-Gymnasiums hat sie schon einen gewissen Ruf, und so ist es kein Wunder, dass sie dem Werben des älteren Theaterkritikers Ernst nachgibt. Als ihr Vater hinter das Verhältnis kommt, ist er entsetzt und enterbt sie kurzerhand.

Milena und ihr Mann zieht es nach Wien. Hier beginnt ihr Briefwechsel mit „Franz K“, den sie nicht vergessen kann und der sie ermuntert, selbst schriftstellerisch tätig zu werden. So wird Milena Jesinska-Pollak über den Briefverkehr mit Kafka zur Übersetzerin dessen Werke ins Tschechische und zur freiberuflichen Journalistin.

Ihren Willen für andere, schwächeren Mitmenschen zu streiten, wird sie Jahrzehnte später in große Gefahr bringen, worüber sich zu informieren lohnt.

Der Vorliegende Roman schreibt über Milenas und Franz Kafkas Liebesgeschichte und das Werden einer eindrucksvollen Frau. Zwar erlebte Milena Jesinska nicht mehr die Freiheit Tschechiens, doch bekam sie posthum die höchste Auszeichnung Tschechiens verliehen. Dies zeigt, welche Macht ihre Worte und Taten bereits zu damaliger Zeit hatten. Überaus lesenswert.

Von Sabine Jünemann



Unser Buchtipp im DK vom 1.3.21

Katherine Collette - Das Einmaleins des Glücks

Das Einmaleins des Glücks

Insel Verlag, 400 Seiten, 11,00 €

Nach längerer Arbeitslosigkeit hat Germaine endlich wieder eine neue Stelle gefunden. In der Senioren-Beratungsstelle ihrer Stadt soll sie den Menschen telefonische Hilfestellung bieten.

Leider liegen Germaines Talente aber mehr im Lösen mathematischer Rätsel, als im kommunikativen Austausch mit ihren Mitmenschen. So ist es kein Wunder, dass sie schon nach kurzer Zeit mitten in den Konflikt zwischen dem örtlichen Seniorenverein und dem benachbarten Golfclub gerät, bei dem es hauptsächlich um die Nutzung des Parkplatzes des Seniorenzentrums geht. Zunächst liegt Germaines Loyalität bei ihrer Arbeitgeberin der Bürgermeisterin und dem Vor- sitzenden des Golfclubs. Einige Vorkommnisse bringen Germaine jedoch ins Grübeln und im Laufe der Zeit ändert sich ihre Haltung. Als ihre mathematischen Kenntnisse in der Hausaufgabenhilfe des Seniorenzentrums gefragt werden und sie als Ausgleich an einem der dort angebotenen Gymnastik-Kurse teilnehmen darf, ändert sich ihre Haltung.

Für welche Seite wird sie sich entscheiden, wenn es zur Abstimmung käme und das Seniorenzentrum verkauft und abgerissen werden sollte? Wo sollen sich die Menschen treffen, wenn nicht dort – etwa im Golfclub?

Erleben Sie die Entwicklung der ungewöhnlichen Germaine im Laufe dieser erfrischenden Geschichte. Ein warmherziger, humorvoller und entspannender Roman, der die Lebensgeister sogar dann weckt, wenn man noch nicht Garten, Terrasse oder Balkon genießen kann.

Katharine Collettes „Das Einmaleins des Glücks“ weckt Erinnerungen an Graeme Simsions „Das Rosie-Projekt“ und dessen sympathische Hauptfigur Don, ebenfalls etwas aus der Art geschlagen. Wenn ihnen Germaine gefallen hat und Sie Don noch nicht kennen sollten, empfehle ich ihnen auch Graeme Simsions amüsante Buchreihe um seinen autistischen Helden, die inzwischen erfreuliche drei Titel zählt.

Von Luise Harloff



Unser Buchtipp im DK vom 22.2.21

Kirsten Boie - Dunkelnacht

Dunkelnacht

Oetinger Verlag, 128 Seiten, 13,00 €

Tiefschwarz ist die Nacht, nur der volle Mond erhellt den Ort. Die zwei Jugendlichen auf der Straße rätseln über das, was kommen mag. Sie fürchten sich ein wenig und sind doch gleichzeitig aufgeregt. Wie mag die Zukunft werden? Schorsch und Marie, die beiden jungen Leute, versuchen ein wenig Glück für sich zu finden in diesem Krieg, der vielleicht bald beendet ist. Doch noch kann viel passieren im Hier und Heute des 28. April 1945. Es heißt vorsichtig zu sein, denn wie leicht kann man hier sein Leben verlieren. Denn es kommt etwas den Weg herauf in der Nacht, herauf zur Stadt.

Dem Unheil, das über diese kleine bayrische Stadt herein brechen wird, werden 16 Menschen zum Opfer fallen: Erschossen und erhängt, weil sie sich Gedanken um die Zukunft ihrer Stadt nach dem Krieg machten. Weil sie das Richtige tun wollten.

Am Ende des Buches ist ein ausführlicher Anhang, der das Geschehene in einen größeren Zusammenhang setzt und erzählt, was danach passierte und wie es mit den realen Personen weiter ging. Hier hat die Autorin hervorragend recherchiert.

Kirsten Boies eindrückliche Novelle „Dunkelnacht“ ist ein Zeugnis des Schreckens und gleichzeitig ein Aufschrei gegen das Vergessen. Ein Wusch Zeugnis abzulegen, nicht zu vergessen, niemals! Beeindruckend.

Für alle Menschen ab 14 Jahren.

Von Sabine Jünemann



Unser Buchtipp im DK vom 15.2.21

Volker Weidermann - Brennendes Licht

Brennendes Licht

Aufbau Verlag, 186 Seiten, 18,00 €

Der erfolgreiche Autor und Literaturkritiker Volker Weidermann setzt sich diesmal literarisch mit Anne Seghers und ihrer Flucht 1941 aus Deutschland auseinander. Der gewünschte Zufluchtsort New York wird ihr und ihrer Familie verwehrt, und sie müssen weiter nach Mexiko. In diesem Land, das ihr am Anfang so fremd ist, schreibt sie später viele ihre Erzählungen und Romane. Sie wird aufgenommen in einem Kreis von Künstler*innen, Schriftsteller*innen und Intellektuellen, die alle Flucht und politischer Widerstand vereint. Sie sind aus Österreich, Deutschland und der Tschechoslowakei und haben sich hier ins Exil begeben. Sie alle vereint der Gedanke des Kommunismus und der Wunsch, nach einem hoffentlich baldigen Kriegsende wieder in das jeweilige Heimatland zurückkehren zu können. Aber auch in Mexiko sind sie nicht vor politischer Verfolgung, Bespitzelung und Mord sicher. Ein schwerer Autounfall, womöglich bewusst herbeigeführt, lässt auch Anna Seghers für längere Zeit verstummen, bis sie dann letztendlich 1947 wieder aus dem Exil nach Deutschland zurückkehren kann.

Nicht in ihre Heimatstadt Mainz, von der sie in Mexiko so oft träumte, sondern nach Berlin, wo sie sich später für den Osten der Stadt entschied. Anna Seghers blieb den Parteirichtlinien treu und enttäuschte damit nicht nur einige ihrer früheren Freunde. Mexiko mit seinen Farben, seinem Licht und seinen Menschen, alles so ganz anders als das erneute Leben in Deutschland, blieb aber nicht nur für sie durch ihr literarisches Werk erhalten.

Ein lesenswertes Buch über Literatur und Kunst und das Leben im Exil während des zweiten Weltkriegs.

Von Karin Skrzypczak



Unser Buchtipp im DK vom 8.2.21

Thérése Lambert - Die Rebellin

Die Rebellin

Aufbau Verlag, 407 Seiten, 12,99 €

Welch brillante Frau! Mit weniger kraftvollen Worten lässt sich diese Dame aus gutbürgerlichem russischem Hause einfach nicht beschreiben. Lou Salomé, die Tochter eines verstorbenen Generals in russischen Diensten, entschied sich bereits sehr früh entgegen allen Konventionen nicht zu heiraten und ein eigenständiges Leben zu führen. Vor allem wollte sie ihren nimmersatten Geist beschäftigen und studieren. Dies war im 19. Jahrhundert sehr schwierig, da Frauen kaum an den Universitäten zugelassen wurden. Trotz dieser Widerstände gelang es ihr, aufgenommen zu werden.

So lernte sie auch Nietzsche kennen und ihren späteren Ehemann Friedrich Carl Andreas. Diesem rang sie das Versprechen einer zölibatären Ehe ab, auch wenn sie durchaus Zuneigung für das andere Geschlecht verspürte.

Der vorliegende Roman erzählt eine kurze, aber wichtige Zeitspanne in Lou Andreas-Salomés Leben. Sie lernt bei einem Aufenthalt in München 1897 den noch unbekannten Dichter Rainer-Maria Rilke kennen. Aus der Lektorin und ihrem Schüler wird mit der Zeit ein Liebespaar, dass sich immer wieder trennt und versöhnt - eine wahre Amour Fou!

Denn Lou pocht auf ihre Unabhängigkeit und ist außerdem seit zehn Jahren verheiratet. So sehr Rilke sie auch vereinnahmen will, diese willensstarke Frau bietet ihm die Stirn.

Dieser Roman ist nicht nur eine Liebesgeschichte, sondern macht Lust darauf, sich intensiv mit dieser geistreichen Frau, die zu ihrer Zeit zu den faszinierendsten zählte, näher zu beschäftigen, um sie besser kennen zu lernen. Sehr lesenswert!

Von Sabine Jünemann



Unser Buchtipp im DK vom 1.2.21

Tim MacGabhann - Der erste Tote

Der erste Tote

Suhrkamp Verlag, 274 Seiten, gebunden, 15,95 €

Andrew und Carlos sind am frühen Morgen auf dem Heimweg von einer Reportage über die Ölindustrie in Poza Rica nach Mexiko City. Am Straßenrand liegt die grausig zugerichtete Leiche eines jungen Mannes. Sie halten an und Carlos, wie immer unerschrocken, ganz Fotoreporter, macht Fotos von dem jungen Mann, bis beide von der Guardia Civil überrascht werden. Seltsamerweise befragen die Polizisten sie nicht, sondern laden die Leiche auf und verschwinden.

Verwirrt macht sich Andrew wieder auf den Weg nach Hause, während Carlos zurückbleibt, um ein bisschen herum zu fragen. Er wittert eine Story! Wie recht er damit hat, soll sich schon wenig später herausstellen. Schon zwei Tage später ist Andrew auf sich allein gestellt; sein Freund Carlos ist zunächst gefoltert und dann ermordet worden.

Auf einem gut versteckten USB-Stick in der Wohnung des Freundes findet sich Beweismaterial, dass ihm weitere Recherchen ermöglicht. Immer in der Gefahr, selbst zum Mordopfer zu werden, taucht Andrew tiefer in die Geschichte ein.

Begleiten Sie lieber Leser, liebe Leserin, ihn bei der Lösung der beiden Mordfälle und deren Hintergründe. Dem Autor Tim MacGabhann, der selbst in Mexiko lebt und der ebenfalls Reporter ist, ist ein rasanter Debütroman gelungen. Man wird in die Geschichte förmlich hinein gesogen und lernt dabei Mittelamerika von seiner hässlichen Seite kennen.

Am Ende bleibt man atemlos zurück. Unbedingt lesenswert!

Für alle neugewonnenen Fans von Tim MacGabhann und seiner Hauptfigur Andrew darf verraten werden, dass bereits zwei weitere Bände angekündigt sind.

Von Luise Harloff



Unser Buchtipp im DK vom 25.1.21

Leah Hayden - Miss Guggenheim

Miss Guggenheim

Aufbau Verlag, 469 Seiten, gebunden, 12,99 €

Peggy Guggenheim war für ihre Zeit ein „enfant terrible“. Weit davon entfernt, sich an Konventionen zu halten, brach sie schon in jungen Jahren mit allen Beschränkungen und zog von New York nach Europa. Hier lernte sie ihren ersten Mann kennen, gründete in London ihre erste Galerie und zog dann weiter nach Paris.

Dort verliebte sie sich Ende der 1930er Jahre in den Maler Max Ernst. Seine rätselhaften und surrealen Bilder zogen sie magisch an. Ihre Liebe wurde durch den deutschen Einmarsch in Frankreich jedoch auf eine harte Probe gestellt. Nur durch die Hilfe ihres früheren Mannes gelang es ihr sich, ihre mittlerweile große Sammlung abstrakter Kunstwerke und ihren Liebsten Max Ernst dem Zugriff der Nazis zu entziehen und zurück nach New York zu gelangen.

Peggys Vorliebe für die moderne Kunst trieb sie voran. Wo sollte sie diese ausstellen? Das Museum ihres Onkels Samuel war ihr zu konservativ. Und eigentlich wollte sie auch viel lieber etwas Eigenes. Und Max Ernst? Das Damoklesschwert der Aufenthaltsgenehmigung schwebte weiterhin über ihnen. Sollten sie heiraten, nur um es bürokratisch einfacher zu haben?

Peggy Guggenheims Jahre in New York sollten zu den aufregendsten ihres Lebens werden. Dank ihrer Kreativität und ihres Elans ist der Abstrakte Expressionismus bekannt geworden. Ihr Geld machte die Förderung eines seiner heute bekanntesten Vertreter möglich – Jackson Pollock.

Dieser biographische Roman zeigt nur eine Episode im Leben dieser brillanten Kunstnärrin, der Lust darauf macht, diese schillernde Frau neu- und wiederzuentdecken. Viel Spaß.

Von Sabine Jünemann



Unser Buchtipp im DK vom 18.1.21

Gabri Rodenas - Die unglaubliche Reise der Großmutter auf ihrem blauen Fahrrad

Die unglaubliche Reise der Großmutter auf ihrem blauen Fahrrad

Thiele Verlag, 192 Seiten, gebunden, 20,00 €

Wenn Sie sich vorstellen, dass Sie 90 Jahre alt sind und plötzlich erfahren, dass Sie einen Enkel haben, den Sie noch nie gesehen und von dem Sie auch noch nie vorher gehört haben – würden Sie diesen nicht auch kennenlernen wollen?

So geht das auch Señora Maru. Die neunzigjährige alte Dame lebt in Oaxaca in Mexiko. Selbst in einem Waisenhaus aufgewachsen, steigt sie jeden Morgen auf ihr altes Fahrrad, um den jetzt dort lebenden Kindern selbstgebackene Karamellkekse zu bringen. Nicht irgendwelche, sondern die guten Chilenischen.

Die Nachricht von der Existenz eines Enkelsohns lässt sie ihre Routine jäh unterbrechen. Ohne genaue Adresse, vom Vertrauen in die Fügungen des Schicksals überzeugt, radelt sie von Oaxaca nach Veracruz (Immerhin 300 km Luftlinie entfernt, vom Fuße der Westlichen Sierra Madre an die Ostküste). So überraschend sie ihre Suchfahrt antritt, so spannend sind die Begegnungen mit Menschen, die sie unterwegs trifft, fast schon magisch.

Als LeserIn folgt man gespannt dem Reiseverlauf, immer hoffend, dass die alte Dame am Ende der Reise ihren Enkel in die Arme schließen kann. Denn eine kleine Schwierigkeit gibt es da noch zu überwinden: Donna Maru kann nicht lesen, sie hat es nie gelernt!

Ein berührender und mutmachender Roman über die Zuversicht und damit die Magie des Lebens. Lesen Sie selbst und lassen sich verzaubern.

Von Sabine Jünemann



Unser Buchtipp im DK vom 11.1.21

Karl Schlögl - Der Duft der Imperien – Chanel Nº 5 und Rotes Moskau

Der Duft der Imperien

Hanser Literaturverlag, 221 Seiten, gebunden, 23,00 €

Wie kommt ein Professor für Philosophie und Soziologie dazu, sich mit der Geschichte eines, oder besser gesagt zweier, Parfums zu beschäftigen? Das eine noch heute weltweit bekannt und das Marilyn Monroe zu dem berühmt berüchtigten Ausspruch verleitet haben soll „Zum Schlafen trage ich nur ein paar Tropfen Chanel Nº 5“ und das andere, das als „Bouquet de l'Imperatrice de Catherine“ von Ernest Beaux 1913 ersonnen wurde und heute unter „Rotes Moskau“ bekannt ist. Wie kam es zu dieser Koexistenz?

Ernest Beaux, der in den 1920er Jahren berühmte Parfümeur aus Grasse, hatte an Duftkompositionen im Zarenreich mitgewirkt, welches er nach Ausbruch von Bürgerkrieg und Revolution verlies.

In Südfrankreich traf er auf Coco Chanel, die junge aufregende Modeschöpferin, die ihr persönliches Imperium der Mode um eine raffinierte Duftkollektion erweitern wollte. Es wurde eine fruchtbare Zusammenarbeit. Heraus kam jenes Parfum, das auch heute noch zu den berühmtesten der Welt gehört: Chanel Nº 5. Abgefüllt in einem schlichten fast quadratischen Flakon, an dem sich bis heute nichts verändert hat.

Im Gegensatz zu seinem berühmten russischen Vorgänger. Dieses wurde nach der Revolution umbenannt in „Rotes Moskau“, und kein geringerer als der berühmte russische Avantgardist Kasimir Malewitsch gestaltete seinen Flakon.

Dieses Buch ist nicht nur eine Geschichte des Parfums, sondern gleichzeitig eine Geschichte des Zeitalters der Düfte, einem nicht immer wohlriechenden, teilweise bestialischen und an manche Grausamkeit dieses so besonderen 20. Jahrhunderts erinnernd und gut hundert Jahre zurück liegt.

Spannend sind hier die Verflechtungen, politisch, sozial und künstlerisch. Genau das macht den Reiz und die Anziehungskraft dieses Buches aus. Eine Betrachtung ab der 1920er Jahre, die nicht nur wild waren, sondern einen Aufbruch in vielen Bereichen zeigen, die auch noch heute Bestand haben.

Von Sabine Jünemann



Unser Buchtipp im DK vom 4.1.21

Candice Fox - Dark

Dark

Suhrkamp Verlag, 394 Seiten, 15,95 €

Was könnten diese drei Frauen gemeinsam haben? Die ehemaligen Zellengenossinnen Blair und Emily alias Sneak, eine Mörderin und Diebin, die Gangsterin Ada Maverick und Jessica Sanchez, die Polizistin. - Sie verbünden sich, um die vermisste Tochter von Sneak zu finden.

Blair wird in der Tankstelle, in der sie jetzt jobbt, von einer verzweifelten jungen Frau überfallen. Ein paar Stunden später erfährt Blair, dass das Mädchen Dayly die Tochter von Sneak ist und seitdem verschwunden ist.

Trotz der Gefahr, wegen Verletzung ihrer Bewährungsauflagen wieder ins Gefängnis zu müssen, entscheidet sie sich, Emily bei der Suche nach Dayly zu helfen. Als Sneak und sie nicht weiterkommen bitten sie die Gangsterin Ada und die Polizistin Jessica um Hilfe.

Aus verschiedenen Blickwinkeln wird nun die wilde Jagd nach Hinweisen auf Dayly beschrieben. Wo ist das Mädchen nach dem Überfall noch gesehen worden? Mit wem hatte sie zuletzt Kontakt und welche Rolle spielt eigentlich John Fishwick, der im Gefängnis in der Todeszelle sitzt?

In ihrem bekannt rasanten Tempo erzählt Candice Fox diesen neuen Thriller. Atemlos folgt der Leser den gelegten Spuren und rätselt mit den beteiligten Personen um die Lösung des Falles.

Für alle Fans des psychologischen Krimis, die gerne auch ein bisschen Aktion bevorzugen, und natürlich für alle Fans der großartigen Candice Fox, die ihre Hades-Trilogie und ihre Crimson-Lake-Reihe schon kennen.

Leider viel zu schnell zu Ende!

Von Luise Harloff



Unser Buchtipp im DK vom 28.12.20

Susanne Popp – Madame Clicquot und das Glück der Champagne

Madame Clicquot und das Glück der Champagne

Rowohlt Taschenbuch, 413 Seiten, 12,99 €

Als Barbe-Nicole Clicquot ihren geliebten Mann eines Abends tot auffindet, scheint ihr gemeinsamer Traum einer eigenen Kellerei perdu! Niemand traut einer jungen Frau, selbst wenn sie Witwe ist, Anfang des 19. Jahrhunderts zu, eigenständig ein Geschäft leiten zu können.

Barbe lässt sich jedoch nicht unterkriegen. Zuviel Arbeit hat sie selbst bisher schon in ihre Schaumweinproduktion gesteckt. Als der Besuch Kaiser Napoleons in ihrer Heimatstadt Reims angekündigt wird und ihr Vater als Gastgeber des kaiserlichen Paares fungiert, reift ihr verwegener Entschluss! Sie wird sich über den Wunsch ihres Vaters hinwegsetzen, das Produkt ihres Konkurrenten anzubieten und die Flaschen in einer Nacht- und Nebel-Aktion gegen ihre eigenen austauschen.

Das Husarenstück gelingt! Napoleon und seine Frau Josephine sind begeistert, und der Kaiser tauft das exquisite Getränk „Champagner“! Die Witwe Clicquot scheint auf einem guten Weg zu sein.

Wie hat schon der Große Wilhelm Busch gesagt: „Es ist ein Brauch von Alters her, wer Sorgen hat, hat auch Likör!“ Wenn man dann sogar Champagner besitzt, und dieser auch noch gut verkäuflich ist, dann sollten die Sorgen ein Ende haben.

Ein spritziger Roman über eine Frau, die eine Dynastie und eine Marke von Weltruhm mit Zähigkeit, Können und Esprit aufgebaut hat. Ein köstliches Lesevergnügen.

Von Sabine Jünemann



Unser Buchtipp im DK vom 21.12.20

Annette Langen & Marije Tolman - Unsere eigene Weihnachtsgeschichte

Unsere eigene Weihnachtsgeschichte

Nord Süd Verlag, Bilderbuch, 15,00 €

Mia und ihr kleiner Bruder Jona spielen immer gerne miteinander. Jona hängt an Mias Lippen, denn Mia weiß genau, wie es Weihnachten gewesen ist.

Also machen sich die beiden auf den Weg nach Bethlehem. Da sie keinen Esel haben, muss halt ein Schaf als Reittier herhalten. Es dauert natürlich eine Weile, bis sie ihr Ziel erreicht haben und das Jesuskind - hier dargestellt von einem kleine Stoffhasen - von den Hirten angebetet werden kann.

„Siehst du“, sagt Mia und zieht ihr Tuch ab, “so ist das mit Weihnachten gewesen.“

Und wenn sie müde sind, gehen sie einfach nach Hause und morgen, da gehen sie wieder hin nach Beet-le-helm oder spielen etwas anderes.

Herzerfrischend und gleichzeitig so schlicht lässt das Autorin Annette Langen, die vielen vielleicht als geistige Mutter des Hasen Felix kennen, die Kinder in eigenen einprägsamen Worten Zugang zu Weihnachten finden. Marije Tolman hat diese Geschichte mit zwölf wunderbaren kindgerechten Bildern illustriert. Einfach zauberhaft.

Von Sabine Jünemann



Unser Buchtipp im DK vom 14.12.20

Zsuzsa Bánk - Weihnachtshaus

Weihnachtshaus

Fischer Taschenbuch, 111 Seiten, 10,00 €

Das „Weihnachtshaus“ ist eine wunderbar tröstliche Weihnachtsgeschichte, die uns zeigt, dass die Zeit Wunden heilt und wir wieder vorsichtige Blicke in die Zukunft werfen dürfen. In Frankfurt am Main betreiben zwei Freundinnen ein wunderschönes Café, die eine ist verwitwet mit zwei kleinen Kindern, die andere ist sehr jung Mutter geworden, schon immer alleinerziehend mit einer inzwischen erwachsenen Tochter. Seit vier Jahren träumen sie davon, gemeinsam Weihnachten in einem großen Haus außerhalb der Stadt zu feiern, das sie baufällig mit verwildertem Grundstück erworben haben. Eine Erzählung, die nach Tee und Weihnachtsgebäck duftet, garniert mit einem Hauch von glitzerndem Schnee und einem Engel in Form eines Amerikaners, der bei einem Hurrikan alles verloren hat und den beiden Frauen hilft, dass dieser Traum Wirklichkeit wird.

Eine Geschichte, die uns zeigt, was möglich ist, wenn sich alle gegenseitig unterstützen und stärken.

Von Karin Skrzypczak



Unser Buchtipp im DK vom 7.12.20

Gisela Dölle - Der Sternenbaum

Der Sternenbaum

NordSüd, Bilderbuch gebunden, 15,00 €

„Es war einmal“ oder „Es begab sich zu der Zeit“, viele Märchen und Geschichten beginnen mit diesem nachdenklich stimmenden Anfang. In dieser vorweihnachtlichen Geschichte geht es um einen alten Mann, der schon lange in einem kleinen Haus am Rande einer großen Stadt lebt, die nur Hektik und Eile kennt. Viele der in dieser Stadt wohnenden Menschen wissen gar nicht mehr, was Zusammengehörigkeit oder Gemeinschaft ist. Sie kennen einander nicht mehr. Jeder lebt nur für sich. Der alte Mann hat alle Veränderungen miterlebt. Nun fragt er sich, ob das Christuskind in all dieser Rastlosigkeit sein kleines Haus auch finden wird. Früher als Kind hatte er in dieser Zeit Sterne gebastelt. Ob er das wohl noch kann? Vielleicht hat er ja noch irgendwo noch etwas Goldpapier. In seinem gemütlichen Zuhause bastelt er einen Stern nach dem anderen, es soll für einen ganzen Baum reichen. Doch den muss er erst noch finden.

Diese wundereiche Geschichte handelt von der Kraft der Zuversicht und dem Glauben an das Gute. Ein Bilderbuch, das auch große Leute anspricht und inspiriert.

Wer weiß, vielleicht entdecken Sie ja Ihre ganz eigenen Fähigkeiten und Gemeinsamkeiten mit ihren Kindern oder guten Freunden oder ganz wildfremden Menschen.

Von Sabine Jünemann



Unser Buchtipp im DK vom 30.11.20

Luca di Fulvio - Es war einmal in Italien

Es war einmal in Italien

Lübbe Verlag, 716 Seiten, 16,00 €

Es war einmal – so beginnen fast alle Märchen. In diesem Buch beginnt die Geschichte zweier junger Menschen im Frühjahr 1870. Martha lebt im Zirkus bei ihrem Ziehvater Melo und ist des kargen ärmlichen Lebens überdrüssig. Pietro, ein Waisenjunge, wünscht sich nichts sehnlicher, als durch Adoption dieses Elend hinter sich zu lassen. Beider Lebenswege kreuzen sich schicksalshaft, denn Martha und der Zirkus wandern nach Rom, wohin es auch Pietro verschlägt. Hier im Kirchenstaat regiert noch der Papst. Doch auch in Rom gärt es. Seit sich die Provinzen zum Land Italien vereinigt haben, wünschen viele Menschen auch Rom möge sich dem vereinigten Italien anschließen.

Martha entwickelt sich zur glühenden Aktivistin, die sich für die Freiheit einsetzt. Pietro, dem jede Schule ein Gräuel ist, entdeckt durch die Bekanntschaft mit einem Mitschüler die Geheimnisse der Fotographie. Endlich hat er seine Aufgabe gefunden. Er beginnt, das Drangsal der Stadt zu dokumentieren und hebt doch gleichzeitig deren Schönheit hervor.

Binnen eines Jahres erleben die beiden Halbwüchsigen den Wandel vom Kirchenstaat zum Anschluss an das freie Italien. Luca die Fulvio hat einen spannenden Roman geschrieben, der die Leser mitfiebern lässt, und bejubelt die Freiheit, wie es seine Protagonisten tun.

Ein spannender historischer Roman über die Befreiung Italiens mit interessanten Hinweisen zum damaligen Abstimmungsergebnis! Die heutigen Demoskopen hätten ihre helle Freude an den Voraussagen zum Ausgang dieser Wahl gehabt.

Von Sabine Jünemann



Unser Buchtipp im DK vom 23.11.20

Jenny Blackhurst - Das Gift Deiner Lügen

Das Gift Deiner Lügen

Lübbe Verlag, 363 Seiten, 11,00 €

Vor einem Jahr ist Erica Spencer bei einer Halloween-Party aus einem Baumhaus gestürzt und gestorben. Die Polizei hat ihren Tod damals als Unfall zu den Akten gelegt. Nun, etwa ein Jahr später, gibt es einen bestürzenden Facebook-Post, der einen Podcast ankündigt, in dem der Mord an Erica aufgedeckt werden soll. Sechs Menschen in dem englischen Villenviertel Seven Oakes sollen Schuld an ihrem Tod sein.

Die offenbar mit dem Computer bearbeitete Stimme des Podcast versetzt die Beteiligten in Angst und Schrecken. Immer tiefer dringt der giftige Ton der Computerstimme in ihrer aller Seelen, womit ihre wohlgehüteten Geheimnisse durch den anonymen Sprecher, oder die Sprecherin, aufgedeckt werden. Als auch noch jemand von ihnen verschwindet, wird endlich die Polizei eingeschaltet. Ob die Wahrheit dieses Mal aufgedeckt werden wird können?

Spannend wie in einer Fernsehserie lässt Jenny Blackhurst hier langsam das Bild der wirklichen Geschehnisse im vergangenen Jahr entstehen. Alle sechs Beschuldigten haben aus den verschiedensten Gründen gelogen.

Aber wer hat Erica Spencer nun wirklich ermordet? Und gab es überhaupt einen Mord?

Ein bis zum überraschenden Ende spannender Thriller, der dazu anregt, einzutauchen und die Realität für kurze Zeit auf unterhaltsame Art und Weise hinter sich zu lassen.

Von Luise Harloff