Buchtipp

Unser Buchtipp im DK vom 30.11.20

Luca di Fulvio - Es war einmal in Italien

Es war einmal in Italien

Lübbe Verlag, 716 Seiten, 16,00 €

Es war einmal – so beginnen fast alle Märchen. In diesem Buch beginnt die Geschichte zweier junger Menschen im Frühjahr 1870. Martha lebt im Zirkus bei ihrem Ziehvater Melo und ist des kargen ärmlichen Lebens überdrüssig. Pietro, ein Waisenjunge, wünscht sich nichts sehnlicher, als durch Adoption dieses Elend hinter sich zu lassen. Beider Lebenswege kreuzen sich schicksalshaft, denn Martha und der Zirkus wandern nach Rom, wohin es auch Pietro verschlägt. Hier im Kirchenstaat regiert noch der Papst. Doch auch in Rom gärt es. Seit sich die Provinzen zum Land Italien vereinigt haben, wünschen viele Menschen auch Rom möge sich dem vereinigten Italien anschließen.

Martha entwickelt sich zur glühenden Aktivistin, die sich für die Freiheit einsetzt. Pietro, dem jede Schule ein Gräuel ist, entdeckt durch die Bekanntschaft mit einem Mitschüler die Geheimnisse der Fotographie. Endlich hat er seine Aufgabe gefunden. Er beginnt, das Drangsal der Stadt zu dokumentieren und hebt doch gleichzeitig deren Schönheit hervor.

Binnen eines Jahres erleben die beiden Halbwüchsigen den Wandel vom Kirchenstaat zum Anschluss an das freie Italien. Luca die Fulvio hat einen spannenden Roman geschrieben, der die Leser mitfiebern lässt, und bejubelt die Freiheit, wie es seine Protagonisten tun.

Ein spannender historischer Roman über die Befreiung Italiens mit interessanten Hinweisen zum damaligen Abstimmungsergebnis! Die heutigen Demoskopen hätten ihre helle Freude an den Voraussagen zum Ausgang dieser Wahl gehabt.

Von Sabine Jünemann



Unser Buchtipp im DK vom 23.11.20

Jenny Blackhurst - Das Gift Deiner Lügen

Das Gift Deiner Lügen

Lübbe Verlag, 363 Seiten, 11,00 €

Vor einem Jahr ist Erica Spencer bei einer Halloween-Party aus einem Baumhaus gestürzt und gestorben. Die Polizei hat ihren Tod damals als Unfall zu den Akten gelegt. Nun, etwa ein Jahr später, gibt es einen bestürzenden Facebook-Post, der einen Podcast ankündigt, in dem der Mord an Erica aufgedeckt werden soll. Sechs Menschen in dem englischen Villenviertel Seven Oakes sollen Schuld an ihrem Tod sein.

Die offenbar mit dem Computer bearbeitete Stimme des Podcast versetzt die Beteiligten in Angst und Schrecken. Immer tiefer dringt der giftige Ton der Computerstimme in ihrer aller Seelen, womit ihre wohlgehüteten Geheimnisse durch den anonymen Sprecher, oder die Sprecherin, aufgedeckt werden. Als auch noch jemand von ihnen verschwindet, wird endlich die Polizei eingeschaltet. Ob die Wahrheit dieses Mal aufgedeckt werden wird können?

Spannend wie in einer Fernsehserie lässt Jenny Blackhurst hier langsam das Bild der wirklichen Geschehnisse im vergangenen Jahr entstehen. Alle sechs Beschuldigten haben aus den verschiedensten Gründen gelogen.

Aber wer hat Erica Spencer nun wirklich ermordet? Und gab es überhaupt einen Mord?

Ein bis zum überraschenden Ende spannender Thriller, der dazu anregt, einzutauchen und die Realität für kurze Zeit auf unterhaltsame Art und Weise hinter sich zu lassen.

Von Luise Harloff



Unser Buchtipp im DK vom 16.11.20

Lucie Castel - Die Magie der Schokolade

Die Magie der Schokolade

Thiele Verlag, 269 Seiten, 15,00 €

Dass Schokolade magische Kräfte innewohnt, wussten schon die Azteken, war es doch für sie das Getränk der Götter. Wir wissen es spätestens seit dem bezaubernden Film „Chocolat“ mit Juliette Binoche und Johnny Depp.

Lucie Castels Romanheldin Catalina Palazzo kommt nach Jahrzehnten in der Fremde zurück in ihre Heimat Korsika. Als ausgezeichnete Patissière wird es ihr sicher nicht schwer fallen, ihre eigene Patisserie in ihrem Heimatort zu eröffnen. Zumal ihr Großvater ihr einen wunderbaren kleinen Laden vererbt hat.

Dumm nur, dass direkt gegenüber bereits seit einiger Zeit Luca Castellini seine Chocolaterie betreibt. Auf Korsika sind die Palazzos und die Castellinis das, was in Verona die Capulets und die Montagues waren. Der ganze Ort schaut gebannt auf das Hauen und Stechen der Beiden, und die Wetten stehen 50:50, wer wen überflügeln wird.

Madame Castels zauberhafte Roman ist wie geschaffen für die kühlen Tage mit heißer Zimtschokolade und einem leckeren Kuchenstück, dass auf der Zunge zergeht und von Sommer und Sonne träumen lässt. Viel Vergnügen!

Von Sabine Jünemann



Unser Buchtipp im DK vom 9.11.20

Ralf Rothmann - Hotel der Schlaflosen

Hotel der Schlaflosen

Suhrkamp Verlag, 204 Seiten, 22,00 €

Die neuen Erzählungen von Ralf Rothmann in dem Buch „Hotel der Schlaflosen“ sind nichts für zartbesaitete, denen der Novembermonat und die aktuelle Situation ohnehin schon schwer zu schaffen machen. Allzu viel Hoffnung bietet weder die Erzählung von der Geigerin, die nach ihrer Diagnose weiß, dass sie nicht mehr lange zu leben hat, noch die Erzählung vom Kind, auf das zu Hause nur Schläge warten. Auch die Titelgeschichte „Hotel der Schlaflosen“, die den Ort bezeichnet, an dem im Auftrag gefoltert und getötet wird, bleibt zwar durch die Person des Henkers lange im Gedächtnis, aber auch hier ist jegliche Hoffnung auf Glück, geschweige denn aufs Überleben vergeblich. Dennoch lohnen allein schon diese drei Erzählungen die Lektüre des Buches, auch wenn keine von ihnen aufbauend oder ermutigend ist. Empfehlenswert für all jene, die gerne literarisch anspruchsvolle und abwechslungsreiche Kurzgeschichten lesen.

Von Karin Skrzypczak



Unser Buchtipp im DK vom 2.11.20

Sharon Cameron - Das Mädchen, das ein Stück der Welt rettete

Das Mädchen, das ein Stück der Welt rettete

Insel Verlag, 474 Seiten, 18,00 €

Stefania träumt schon mit 13 Jahren nach einem Besuch bei ihren älteren Schwestern in der Stadt davon, in der Stadt Przemysl zu leben und zu arbeiten. Sie will weg von ihrer großen Familie, weg von dem Bauernhof.

Mit sechzehn Jahren hat sie es endlich geschafft. Im Laden der jüdischen Familie Diamant findet sie Arbeit. Frau Diamant wird zu ihrer Ersatzmutter und deren ganze Familie zu ihrer Zweitfamilie.

In Izio, einen der Söhne, ist sie sogar verliebt, und erwägt, ihn zu heiraten, obwohl sie katholisch und er jüdisch ist. Bevor sie heiraten können, bricht der Zweite Weltkrieg aus, und die Diamants müssen den Laden aufgeben und ins Getto umsiedeln. Tapfer schlägt Stefania sich allein durch, sucht sich eine neue Arbeit, und versorgt die Familie im Ghetto mit dem Nötigsten.

Als Izio für seinen Bruder Max in ein Arbeitslager geht, versucht sie, ihn von dort zu retten, scheitert aber. Kurz darauf werden auch deren Eltern deportiert, einzig Max kann fliehen und bittet Stefania, ihn für eine Nacht zu verstecken. Nicht nur er braucht Hilfe, schnell wächst die Gruppe der Juden, die Stefania versteckt, auf 13 Menschen an.

Wie das Leben unter solchen Umständen, immer in Angst vor Entdeckung und mit dem Tod bestraft zu werden, gelingen kann, wird in diesem Roman eindrücklich beschrieben. Sprachlich zurückhaltend, einfühlsam und dennoch nicht beschönigend, was auch den beiden Übersetzerinnen Katharina Förs und Naemi Schuhmacher zu verdanken ist, erzählt Sharon Cameron die Zeit der Besetzung Polens und auch ihre Gräuel nach einer wahren Geschichte.

Am Ende des Buches findet sich eine kurze Dokumentation darüber, wie die geretteten Menschen ihr geschenktes Leben nach dem Krieg weitergeführt haben. Ein unbedingt lesenswerter Roman für Menschen ab 12 Jahren, der beschreibt, was nur noch wenige Augenzeugen berichten können, und für mich deshalb ein sehr wichtiges Buch.

Von Luise Harloff



Unser Buchtipp im DK vom 26.10.20

Risto Pakarinen - Wunderbar mit Jennifer

Wunderbar mit Jennifer

Rowohlt Verlag, 384 Seiten, 10,00 €

Wir begleiten den Protagonisten auf den ersten Seiten bei seiner Morgenroutine aus Kaffee kochen, Facebook, Twitter und dem verzweifelten Versuch, sich zur Arbeit zu motivieren. Peter ist selbstständiger IT-Spezialist oder, besser gesagt, eine Ich-AG. Sein einziger Kunde ist sein ehemaliger Chef und Vorgesetzter, welcher Peter einst wegrationalisiert hatte. Also kann Peter bequem von zu Hause arbeiten, wie und wann er will. Und es ist jeden Tag das gleiche, seit nun einer Dekade. Ewig gleiche Routine. Immer und immer wieder.

Da plumpst ein Schreiben durch den Briefschlitz. Eine kleine Zeitmaschine in Form eines vor 30 Jahren geschriebenen Briefs...

Die Titel gebende Jennifer wird das erste Mal sehr früh erwähnt, taucht tatsächlich erst auf den letzten Seiten auf. Zuerst ist man als Leser geneigt zu glauben, dass es diese Jennifer gar nicht gibt. Aber das ist gar nicht so wichtig, der Gedanke an sie ist die treibende Kraft hinter Peters Handlungen.

Es liest sich sehr amüsant, wie dieser Berufs-Loser beschließt, ein marodes Kino in seiner Heimatstadt wieder zu beleben, um Jennifer zu beeindrucken, die von alle dem nichts weiß, da es nun 30 Jahre her ist, dass die beiden sich überhaupt gesehen haben. Ob das gut ausgeht? Ob das überhaupt klappt?

„Zurück in die Zukunft“ ist hier das Leitmotiv, allerdings eher wörtlich gemeint. Nostalgie, Rock Musik der 80er, finnische Provinz, urige Gestalten und noch vieles mehr verschnürt Risto Pakarinen zu einem wunderbar charmanten Roman über das späte Erwachsen werden eines notorischen Träumers.

Von Sarah-Katarina Klecker



Unser Buchtipp im DK vom 19.10.20

Fabio Geda - Ein Sonntag mit Elena

Ein Sonntag mit Elena

Hanser Verlag, 235 Seiten, 20,00 €

Ein alter Mann, Witwer, wartet an einem kalten, herbstlichen Sonntag auf seine Tochter mit ihrer Familie. Sie sind zum Essen verabredet, von dem der alte Herr versprochen hat, es selbst zu kochen. Voller Elan macht er sich an die Arbeit. Kaum ist er fertig, klingelt das Telefon – seine Tochter muss das Familientreffen absagen, da eine seiner Enkelinnen vom Baum gestürzt ist und sich den Arm gebrochen hat. Natürlich ist der Großvater untröstlich. Um sich abzulenken, unternimmt er einen langen Spaziergang, der ihn auch an einer Skateranlage vorbeiführt.

Hier trifft er auf Elena, die ihrem Sohn Gaston beim Skaten zusieht. Der Alte ist beeindruckt vom Können des Jungen. Es stellt sich heraus, dass Elena momentan arbeitslos ist und kein Geld hat für ihrem Sprössling etwas zu Essen zu kaufen. Spontan lädt er die beiden ein. Dieser Sonntag wird das Leben jener drei Menschen für immer verändern. Wie, dass müssen sie selber lesen und sich an den Figuren erfreuen.

Fabio Geda hat mit seinem zauberhaften Roman „Ein Sonntag mit Elena“ eine zarte Geschichte über Zuneigung, Zufall und das Glück von Gemeinschaft geschrieben, der die Leserinnen und Leser in eine andere Welt entführt. Anrührend und poetisch zugleich.

Von Sabine Jünemann



Unser Buchtipp im DK vom 12.10.20

Kirsten Boie - Zurück in Sommerby

Zurück in Sommerby

Oetinger Verlag, 335 Seiten, 14,00 €

Die Herbstferien stehen bevor, doch es scheint schwierig zu sein, einen Platz an der Sonne zu finden. Der Papa von Martha, Mats und Mikkel sucht bereits seit Stunden im Internet. Während Martha gerne in der Nähe ihrer Freundin wäre, die nach Lanzarote fliegt, wollen die Jungs viel lieber nach Sommerby. Dort haben sie herrliche Sommertage verbracht, ihrer Oma geholfen, frische Eier einzusammeln, gelernt mit einem Boot zu segeln sowie viele andere nützliche Dinge.

So einen spannenden und erfüllenden Urlaub hatten sie bis dahin nie gehabt, und vor allem wollen sie ihre Oma wiedersehen, von der sie bis zum Sommer gar nichts gewusst haben. Gesagt, getan – ein Anruf bei Omas Nachbarn Krischan (denn Oma hat immer noch kein Telefon), und dann wird das schon gehen.

Und tatsächlich! Oma Inge freut sich sehr und nimmt die Kinder herzlich auf. Es gibt Pflaumenkuchen und leckere Gelees, und alles könnte so schön sein, wenn da nicht dieser lästige Makler wäre. Der hatte Oma Inge schon im Sommer das Leben schwer gemacht.

Ob die Geschwister es wohl schaffen, diesem Bagalut das Handwerk zu legen? Schließlich wollen sie noch ganz oft zur Oma auf den Hof kommen.

Dieser bezaubernde Kinderroman ist auch für große Leute. Man kann ihn sogar wunderbar zum 70. Geburtstag verschenken, denn schließlich feiert ja auch Oma Inge einen runden Geburtstag. Das Pure Lesevergnügen für die ganze Familie.

Von Sabine Jünemann



Unser Buchtipp im DK vom 5.10.20

Ursula Poznanski - Cryptos

Cryptos

Loewe Verlag, 448 Seiten, 19,95 €

Jana ist Welten-Designerin und erschafft virtuelle Welten, die sich völlig real anfühlen. Viele Menschen flüchten sich dauerhaft in diese Welten, weil Klimawandel und Bevölkerungsexplosion die Realität zu einem heißen, trockenen, unangenehmen Ort gemacht haben. Der tägliche, für die Gesundheit notwendige, Aufenthalt in der Realität ist für die meisten Menschen die unangenehmste Stunde des Tages.

Die Bevölkerung der Erde lebt in Depots für die Kapseln, in denen ihre Körper liegen, während man sich in den virtuellen Realitäten bewegt. (Währenddessen werden sie durch Schläuche mit Nährlösung versorgt.)

Als in Kerrybrock, der friedlichsten von Janas Welten, ein Verbrechen geschieht, begibt sie sich dorthin und versucht dem ungewöhnlichen Vorfall auf den Grund zu gehen, erfolglos. Zurück an ihrem Arbeitsplatz in der Realität wird sie von ihren Vorgesetzten suspendiert. Man legt ihr nahe, ein paar Tage Urlaub in einer schönen Welt zu machen, in der Zwischenzeit werde man sich um das Problem kümmern.

Natürlich widersetzt sie sich dieser Anweisung und geht zurück in die virtuelle Welt um selbst ermitteln zu können. Warum aber wacht sie nicht mehr wie üblich in ihrer Kapsel auf, warum kann sie sich plötzlich nicht mehr frei zwischen den Welten bewegen, und vor allem, warum fallen ihr ständig von Pfeilen durchbohrte Tauben vor die Füße?

Mit Cryptos ist Ursula Poznanski ein fesselnder Thriller für Menschen ab 14 Jahren gelungen, der auf spannende Art und Weise aufzeigt, auf welche Ideen Menschen kommen könnten, um Probleme wie Bevölkerungsexplosion und Klimaerwärmung zu lösen.

Von Luise Harloff



Unser Buchtipp im DK vom 28.9.20

Jan Weiler – Die Ältern

Die Ältern

Piper Verlag, 147 Seiten, 15,00 €

Vor einigen Jahren erschien Jan Weilers interessantes Werk über das Seelenleben der jungen Homo sapiens, auch als Pubertiere bekannt.

Natürlich wurden auch diese älter, und die Zeit der Adoleszenz bahnt sich an. Dann beginnen sich deren Erziehungsberechtigten zu fragen, da nun jene die eigenen Kochkünste nicht mehr so ohne weiteres wertschätzen, ob man nicht abwechselnd kochen könne. Sofern die Erzeuger dieses gemeinsame Projekt unverletzt überstehen, mutieren sie zu den „Ältern“. Ja sie haben richtig gelesen, es ist kein Schreibfehler. Ältern sind die Eltern der Pubertiere, die nun flügge geworden sind und hinaus in die Welt ziehen wollen. Nun wird man milde belächelt für die angeblich antiquierten Ansichten, die die Ältern bisweilen verbreiten. Und man fragt sich nun: War es das? Nie wieder Wäscheberge, Pumakäfige und haufenweise leere Chipstüten, keine gemeinsamen Sommerferien mehr? Droht gar der Auszug?

Sollten auch Sie Nachwuchs zu Hause haben, der den Inhalt des Kühlschrankes schneller vertilgt als ein Schwarm Heuschrecken ein Getreidefeld in der Sahelzone, dann werden Sie an diesem Buch Ihre helle Freude haben. Es kann sein, dass Sie die ein oder andere Person wiedererkennen werden. Ein köstlicher Spaß und sehr geeignetes Geschenk für die gestressten Eltern oder eben „Ältern“.

Von Sabine Jünemann



Unser Buchtipp im DK vom 21.9.20

Mario Fesler und Eva Schöffmann-Davidov - Extrem Gefährlich! Hamster Undercover

Extrem Gefährlich! Hamster Undercover

Magellan Verlag, 288 Seiten, 15,00 €

Shakira, Max und Pascal freuen sich auf die Ferien, wollen sie diese doch gerne gemeinsam verbringen. Leider wird daraus nichts, denn Max und Pascal kassieren eine weitere Fünf – wegen eines etwas gewagten Referates – und müssen nun für drei Wochen in ein knallhartes Lerncamp! Shakira bleibt allein daheim mit ihrem Hamster, den sie vor kurzem als Geschenk bekam. Shakira hat den Verdacht, dass es bei der Notenvergabe nicht mit rechten Dingen zuging, immer intensiv von dem kleinen Nager beobachtet. Als Leser bekommt man schnell den Eindruck, dass es sich hier um keinen gewöhnlichen Hamster handelt.

Währenddessen schlagen sich Max und Pascal mit den sehr zweifelhaften Lernmethoden in einem auf Feriencamp getrimmten Hochsicherheitsgefängnis herum. Max wird immer gefügiger, während Pascal an der geistigen Gesundheit seines Freundes verzweifelt. Etwas stimmt hier ganz und gar nicht. Erst als sich Jerome - so der Name des Hamsters – offenbart, gelingt es Shakira die Puzzleteile zusammen zu fügen. Das ist jedoch erst der Anfang zu einer noch viel größeren Verschwörung, die es für das Trio nebst Hamster aufzuklären gilt!

Ebenso spannend und rasant geschrieben wie „Maus mit Mission“ und doch anders. „Extrem Gefährlich Hamster Undercover“ ist eine spannende und gleichzeitig witzige Geschichte, die man auch sehr gut ohne den ersten Band lesen kann. Die Kinder, alle etwa um die zehn Jahre alt, sind grandios normal, während die Erwachsenen fast ausnahmslos herrlich inkompetent wirken, bis auf die eine oder andere Ausnahme natürlich.

Mario Fesler vermag es kleine chaotische Details in den Handlungslauf mit einzuweben, welche dann in späteren Kapiteln Sinn ergeben. Achten Sie auf die Handwerker, und viel Spass beim Lesen!

Von Sarah Klecker



Unser Buchtipp im DK vom 14.9.20

Heidi Rehn - Die Tochter des Zauberers: Erika Mann und ihre Flucht ins Leben

Heidi Rehn - Die Tochter des Zauberers

Aufbau Verlag, 447 Seiten, 12,99 €

April 1933, in einer Nacht- und Nebelaktion schleicht sich Erika Mann in die Münchner Familienvilla, um das Manuskript ihres Vaters zu holen. Hier im heißgeliebten Zuhause haben sie keine bleibende Heimstatt mehr. Der Fackelzug durch die Münchner Innenstadt hat ihr den letzten Beweis geliefert. Wehmütig lässt sie die alte Heimat hinter sich und fährt eine Solorallye von München in die Schweiz. Hier fühlt sie sich vorerst sicher, denn hierhin haben sich ihre Eltern geflüchtet, in eine Villa oberhalb Zürichs.

Doch was ist mit ihr selbst und Klaus?

Erikas Mut und Tatkraft ist legendär, alle verlassen sich darauf. Nicht umsonst nennt ihr Vater sie Wotankind. Jetzt muss sie neue Pläne schmieden, ihren Freunden und Kollegen aus der „Pfeffermühle“ – ihrem Berliner Kabarett - und ihrem Bruder Klaus helfen.

Anfang 1936 gelangen sie nach New York und hoffen hier auf einen Neubeginn. Ihr Bruder will endlich seinen Roman „Mephisto“ beenden, während Erika versuchen will, mit Reden und Vorträgen nicht nur das amerikanische Volk, sondern auch dessen Präsidenten gegen die Machenschaften der Nazi zu sensibilisieren. Haben diese doch versucht, mit der Ausrichtung der Olympischen Spiele allen eine heile Welt vorzuspielen.

Der weltgewandten Zauberer-Tochter fällt es leicht, in die amerikanische Welt einzutauchen. Ob es aber ihren Freunden und Kollegen ebenso gelingen mag?

Heidi Rehn hat einen beeindruckenden Roman über Erika Mann geschrieben, der dazu einlädt mehr, über die Tochter Thomas Manns zu erfahren. Auszüge aus Briefen und Reden offenbaren eine Frau mit wachem klugem Geist, die früh den Nationalsozialisten misstraut und sich für deren Bekämpfung einsetzte. Tochter des Zauberers zu sein ist Aufgabe und Bürde zugleich, ebenso aber auch Türöffner. Gelingt es ihr Gehör zu finden?

Von Sabine Jünemann



Unser Buchtipp im DK vom 7.9.20

Andreas Görtz - Wir sind die Wahrheit

Wir sind die Wahrheit

Dressler Verlag, 283 Seiten, 17,00 €

Leahs Zwillingsbruder Noah wurde brutal zusammengeschlagen und liegt seitdem im Koma. Seine Prognose ist nicht gut, er könnte sterben. Seit kurzem kursiert im Internet ein Video, das vermuten lässt, dass ausländische Jugendliche die Täter waren.

Dann bekommt Leah anonym ein Video zugespielt, in dem Noah sich sehr fremdenfeindlich äußert. Dies kann sie jedoch nicht glauben, da er doch in einem Hilfsprojekt für geflüchtete Jugendliche mitgearbeitet hat. Es folgen noch weitere Videos, die eindeutig von Noah selbst aufgenommen wurden. Anstatt sich der Polizei anzuvertrauen, versucht Leah auf eigene Faust zu ergründen, was mit ihrem Bruder geschehen ist.

Die Videos bringen sie darauf, Kontakt zu einer Gruppe zu suchen, die sich „ADler“ nennt, abgeleitet von Advocatus Diavoli, wie ihr deren Anführer Alex später erklärt. Sie verliebt sich in Alex und wird durch ihn immer weiter in die Szene hineingezogen. Leah wollte doch nur Noahs Sinneswandel verstehen. Jetzt zweifelt sie nicht nur an Noah, sondern zieht auch ihre eigenen Vorstellungen in Zweifel. Als die ADler eine neue Aktion planen, muss Leah sich entscheiden. Ist es wirklich das, was sie will? Wird sie sich gegen die Gruppe stellen? Zugegeben, mir als politisch links sozialisierter Frau, die mit einer emanzipierten Mutter aufgewachsen ist, habe ich in diesem Roman die üblichen, mit rechter Gesinnung verbundenen Klischees wiedergefunden. Das macht es für mich daher schwer nachvollziehbar, wie viele junge Menschen, besonders auch Frauen heutzutage in die Fänge der rechten Szene geraten können. Sollten sie es nicht vielleicht besser wissen?

Andreas Götz ist es hervorragend gelungen aufzuzeigen, wie beeinflussbar Jugendliche in ihren politischen Orientierungen sein können. Er zeigt aber auch, wie grundlegend manipulierend rechtsradikale Gruppen vorgehen, und demonstriert dabei deutlich, wie dazu die modernen Kommunikationsmittel, das Internet und andere Social-Media-Kontakte missbraucht werden.

Ein spannender Jugendroman ab 16 Jahren, über Demokratieverständnis, Populismus und den Rechtsruck in unserer Gesellschaft.

Von Luise Harloff



Unser Buchtipp im DK vom 31.8.20

Stina Lund - Die Frauen von Skagen

Die Frauen von Skagen

Rowohlt Polaris, 336 Seiten, 16,00 €

Kopenhagen zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Malerin will Marie werden! Ein unsinniger und verwegener Wunsch wie Asta, ihre Gesellschafterin, ihr mitteilt. Asta findet Marie Triepke verwöhnt und dickköpfig. Sie selbst träumt von einem Mann und einer eigenen Familie, doch das steht vorerst in den Sternen, muss sie doch selbst für ihren Unterhalt und den ihrer Familie sorgen. Dennoch kann sie Marie ihr Talent nicht absprechen, sie ist zweifellos begabt! Die Triepkes unterstützen ihre Tochter, indem sie ihr Kunstunterricht geben lassen von Peder S. Krøyer, einem bekannten Maler. Zur Bedingung machen sie allerdings, dass Asta als Anstandsdame mitgehen muss. So lernt auch Asta quasi enpassent die notwendigen Grundlagen.

100 Jahre später möchte eine andere junge Frau Künstlerin werden, Vibeke Weber, ihres Zeichens Tochter eines Farbenfabrikanten. Zähneknirschend fügt sie sich zunächst dem Diktat ihres Vaters, Betriebswirtschaftslehre zu studieren, doch der Ruf der Kunst ist stärker. Unerwartet findet sie Unterstützung bei ihrer Mutter. Diese fährt mit ihr nach Skagen, wo im 19. Jahrhundert die Künstlerkolonie Skagen um Peder Severin Krøyer und Michael und Anna Ancher malten.

Vibeke ist fasziniert vom Licht, von der Landschaft und diesem unendlichen Himmel. Die bohrenden Nachfragen ihrer Mutter zu ihrem Wunsch bringen die junge Frau ins Grübeln. Will sie das wirklich mehr als alles andere - Kunstwerke erschaffen?

Stina Lunds „Die Frauen von Skagen“ ist nicht nur ein Roman über Künstlerfrauen, sondern auch um das Ringen mit sich selbst und dem Wunsch, in den eigenen Fähigkeiten bestärkt und Anerkennung finden zu können, auch gegen alle Widrigkeiten.

Von Sabine Jünemann



Unser Buchtipp im DK vom 24.8.20

Andreas Schäfer - Das Gartenzimmer

Das Gartenzimmer

DuMont Verlag, 346 Seiten, 22,00 €

Die verwunschene Villa am Rande des Grunewalds übt eine magische Anziehung auf Hannah und Frieder Lekebusch aus. Als sie erfahren, dass es sich bei dieser Villa um das einzige in Berlin erhaltene Bauwerk eines später nach Amerika ausgewanderten Architekten der frühen Moderne handelt, beschließen sie es zu sanieren. Die Villa „Ein Kleinod der Vormoderne“ wird zum Sehnsuchtsziel der Verehrer des Architekten Max Tauber.

Die Hausherrin veranstaltet Führungen und Soireen, um sich im Glanz des wiederhergestellten Hauses zu sonnen, ohne zu ahnen, welch komplexe Geschichte mit dem Haus und seiner Vergangenheit verbunden ist. Erbaut wurde sie als Zufluchtsort eines Berliner Professors und seiner Frau kurz vor Ausbruch des ersten Weltkrieges. Damals lag der spätere Stadtteil Dahlem noch vor den Toren Berlins. Die Seele des Hauses ist untrennbar mit den ersten Besitzern verbunden. Beinahe wäre die Villa der Professorenwitwe im 3. Reich verlorengegangen, da ihre Abgelegenheit ideal für Forschungszwecke geeignet war. Das Gartenzimmer im Souterrain des Hauses wurde Schauplatz unheimliche Machenschaften, die den Leser auch heute noch das Gruseln lehren können.

In „das Gartenzimmer“ beschreibt Andreas Schäfer nicht nur die Geschichte der Villa und ihrer Besitzer. Gleichzeitig steht der Roman exemplarisch für den Aufstieg und Verfall vom Neubeginn der Weimarer Republik über den Niedergang, während und nach der NS-Diktatur, bis hin zur Gegenwart am Beispiel eines Hauses und seiner Bewohner. Spannend bis zur letzten Zeile mit einer Sogwirkung, die an Sirenengesang erinnert.

Von Sabine Jünemann



Unser Buchtipp im DK vom 17.8.20

Andreas Izquierdo - Schatten der Welt

Schatten der Welt

DuMont Verlag, 540 Seiten, 16,00 €

Carl Friedländer, klein, schmal und schüchtern, und sein Freund Artur Burwitz, schon als Kind ein Koloss und durch nichts und niemand einzuschüchtern, kennen sich seit dem ersten Schultag. Immer ist es Artur, der Sohn des Wagners, der die findigsten Ideen hat und Carl, der Schneidersohn, der helfen muss sie auszuführen, stets gemeinsam mit Luise Beese, genannt Isi, der Lehrerstochter, klug, tollkühn und mit einem frechen Mundwerk sowie einem darstellerischen Talent gesegnet, das seinesgleichen sucht.

Das Trio infernale macht die Stadt Thorn am Weichselufer zum Schauplatz eines Juxes exorbitanten Ausmaßes. Der Halleysche Komet kündigt sich an, und die drei jungen Hochstapler verkaufen Weltuntergangspillen und Gasmasken gegen die giftigen Gase des Kometen, der angeblich die Erde einhüllen wird. Die Gutgläubigkeit der Menschen füllen ihre Taschen. Endlich einmal haben sie eigenes Geld und müssen nicht darben. Der Ernst des Lebens, das Erwachsen werden lässt sich trotzdem nicht aufhalten. Carl eignet sich nicht zum Schneidern und lernt bei einem Fotografen, Artur in der Werkstatt seines Vaters und wird Isis Schatz.

Als der erste Weltkrieg ausbricht, werden die jungen Männer eingezogen und erleben jeder für sich die Gräuel und Schatten des Krieges. Währenddessen muss Luise zu Hause ihre eigenen Kämpfe ausfechten, gegen einen destruktiven und ausbeuterischen Grundbesitzer, der ihre Arbeiter bis aufs Blut schindet. Auch wenn das Kleeblatt den Krieg nicht ohne Blessuren übersteht, wie und wo soll und kann es einen Neuanfang geben?

Andreas Izquierdo Roman über die drei jugendlichen Hasardeure ist eine wunderbare Hommage an die Freundschaft. Ein historischer Roman und gleichzeitig abenteuerliches Schelmenspiel und nicht zu vergessen - ein Genuss!

Von Sabine Jünemann



Unser Buchtipp im DK vom 10.8.20

Jan Steinbach - Willems letzte Reise

Willems letzte Reise

Aufbau Verlag, 300 Seiten, 10,00 €

Nach einem langen Arbeitsleben auf seinem Bauernhof nimmt Willem Abschied von seinen Milchkühen und geht in Rente. Einen Nachfolger hat er nicht, weil er schon seit dem Tod seiner Frau Anna vor 17 Jahren, mit seinen Kinder Marion und Martin zerstritten ist. Da er zuletzt allein auf dem nicht mehr rentablen Hof gelebt hat, ist er zu einem brummigen alten Sonderling geworden.

Das ändert sich erst, als er auf seinen Enkel Finn aufpassen soll, den seine Tochter einfach bei ihm ablädt. Die Eltern befinden sich mitten in der Trennungsphase, und sie hat eine neue Arbeitsstelle angetreten.

Ganz allmählich gelingt es dem Jungen, seinen Opa „aufzutauen“. Von Finns Begeisterung für alte Trecker angesteckt, restauriert Willem seinen alten Lanz Bulldog und verspricht ihm, dass sie gemeinsam die Jungfernfahrt machen werden.

Leider wird die Zeit dafür knapp, denn Willem ist schwer krank, was natürlich keiner wissen soll, außerdem muss Finn auch noch ins Lern-Feriencamp, um seine Schulnoten aufzubessern. So fällt die gemeinsame Reise ins Wasser. Als der Lanz endlich fertig ist, macht Willem sich zunächst einmal alleine auf den Weg. Die Reise führt zu einem unerwarteten Blick auf seine Vergangenheit, die ihn ins Grübel bringt. Ob er nicht doch nochmal mit seinen Kindern reden soll?

Jan Steinbach ist ein wunderbar positiver, zeitweise wunderschön nostalgischer Roman über eine Reise zu sich selbst gelungen. Nicht nur als Urlaubslektüre geeignet, macht ‚Willems letzte Reise‘ Lust auf mehr Lektüre von diesem Autor.

Von Luise Harloff



Unser Buchtipp im DK vom 3.8.20

Tilman Röhrig - Und morgen eine neue Welt

Und morgen eine neue Welt

Pendo Verlag, 512 Seiten, 20,00 €

Vor 200 Jahren wurde einer der großen Sozialreformer geboren: Friedrich Engels!

Sein Vater, ein Textilfabrikant im Tal der Wupper, ließ ihn in Bremen eine Kaufmannslehre absolvieren. Mit dieser Grundlage schickte er ihn nach Absolvierung des Militärdienstes nach England. Dort besaß der Vater eine Beteiligung an einer Spinnerei, wo Friedrich Engels seine kaufmännische Ausbildung vervollkommnen sollte.

In Manchester wurde der junge Mann auf das Elend der Fabrikarbeiter aufmerksam. Deren schlechte Lebensbedingungen ließen den jungen Deutschen zum glühenden Sozialisten und streitbaren philosophischen Revolutionär werden. Häufig hielt er sich in London auf, wo er auf Karl Marx traf. Mit ihm verband ihn bald nicht nur eine lebenslange Freundschaft, sondern auch der Wunsch, sich für die Verbesserung der sozialen Belange der Unterschicht einzusetzen. Aus dieser Zusammenarbeit entstand 1848 das „kommunistische Manifest“. Ihre Freundschaft überdauert die diversen Umzüge und Bespitzelungen durch die Preußen, auf beiden Seiten des Kanals in Frankreich und Belgien, ebenso wie in London. Nur selten gelang es ihnen, sorgenfrei zu leben.

Eine Zeitlang waren beide Redakteure der „Neuen Rheinischen Zeitung“ in Köln, wohin sie nach der Revolution 1848 gingen. Ein kurzes Gastspiel, denn nach deren Scheitern mussten sowohl Marx als auch Friedrich Engels 1850 nach Großbritannien emigrieren. Dabei erwies sich Engels als wahrer Freund für Marx. Um diesen zu unterstützen arbeitet er fast 20 Jahre in der ungeliebten Fabrik seines Vaters in Manchester, ohne seine sozialkritischen und philosophischen Forderungen für die Verbesserung der Arbeiterklasse aufzugeben.

Tilman Röhrigs Roman über Friedrich Engels und seine Zeit lässt die Leser teilhaben an den sozialen Umwälzungen um die Mitte des vorletzten Jahrhunderts. Tilman Röhrigs Darstellung eines Mannes, der nicht nur die Verantwortung für seine Arbeiter, sondern auch für die Verbesserung deren Lebensverhältnisse kämpfte und damit auch gleichzeitig eine neue politische Strömung mitbegründete: den Sozialismus!

Ausgesprochen spannend und sehr informativ zu lesen.

Von Sabine Jünemann



Unser Buchtipp im DK vom 27.7.20

Mary Trentham - Sommer auf den Inseln

Sommer auf den Inseln

Insel Verlag, 265 Seiten, 10,95 €

Was zunächst als heitere Romanze auf den Scilly Inseln beginnt, entpuppt sich nach und nach als hintergründig kriminelle Komödie, mit allerlei Verwicklungen, sowohl zwischenmenschlich als auch politisch.

Die abgelegene Insel Tresco beherbergt einen der schönsten und größten botanischen Parks des Vereinigten Königreichs. Hier schaltet und waltet Agneta Lindahl als Chefgärtnerin. Ihr Mann Mikael Laurius, ein Dichter, bessert sein Einkommen durch Reinigungsdienste auf. Zusammen mit ihren Freunden Suzie und John Pooth genießen sie die mediterrane Inselstimmung. Als jedoch eines Tages John Pooth tot am Fuße der Inselklippen aufgefunden wird, ist es mit der Beschaulichkeit vorbei.

Die Polizei ermittelt, der Secret Service versucht zu vertuschen, denn der englische Premier hat sich angesagt und kann keine Publicity gebrauchen, außerdem gehören einige der Liegenschaften dem britischen Thronfolger, so dass sich die Polizeiarbeit kompliziert gestaltet.

Als dann auch noch Agnetas Exmann Magnus, ein mit allen Wassern gewaschener EU-Anwalt, auf der Insel auftaucht, ist die Verwirrung scheinbar komplett. Nicht nur Agneta ist skeptisch über diese konfuse Gemengelage. Gibt es womöglich einen Zusammenhang zwischen den beiden Besuchen?

Ein heiterer Sommerroman, der so recht zum Faulenzen in den Ferien einlädt.

Von Sabine Jünemann



Unser Buchtipp im DK vom 20.7.20

Wolf Harlander - 42 Grad

42 Grad

Rowohlt Verlag, 524 Seiten, 15,00 €

Würden wir in Deutschland, besonders hier in Norddeutschland, uns nicht alle über einen richtigen Sommer freuen? Kaum Niederschläge und Wärme wie in den beliebtesten Urlaubsregionen in Europa, ja sogar auf der ganzen Welt, das wäre doch toll! Man muss nicht mehr verreisen um Urlaubsgefühle zu bekommen. Mit solchem Wetter in Deutschland beginnt der Roman, „42 Grad“ von Wolf Harlander.

Aus der Perspektive von fünf Personen, die in Deutschland leben und arbeiten, erfährt der Leser, wie sich ein toller Sommer langsam in ein Schreckensszenario verwandelt.

Die Hitzewelle und der fehlende Regen führen zu einer nie gekannten Dürre. Dazu kommen noch Probleme mit der Wasserversorgung durch die Wasserwerke. Waldbrände können aufgrund des Wassermangels nicht mehr ausreichend bekämpft werden.

Was ist los mit den Wasserwerken, und gibt es eine Erklärung für die plötzlich auftretenden Waldbrände?

Diese Fragen versuchen Hydrologiestudent Julius Denner, Wasserbauspezialist Noah Luethy und Datenanalystin und IT-Spezialistin Elsa Forsberg zu lösen. Das stellt sich als nicht ganz ungefährlich heraus.

Zusammen mit den dreien sammelt der Leser Fakten, ermittelt und analysiert. So entsteht ein packender Thriller der das Thema Klimawandel einmal aus einem anderen Blickwinkel, nämlich dem der Süßwasservorräte in unserer Erde, betrachtet.

Unbedingt empfehlenswert!

Von Luise Harloff



Unser Buchtipp im DK vom 13.7.20

Ulrike Wolff - Die Dame vom Versandhandel

Die Dame vom Versandhandel

Ullstein Verlag, 480 Seiten, 10,99 €

Einer der Schlager von Hazy Osterwald der 50er Jahre war der Konjunktur Cha Cha, dessen erste Zeile “Geh`n Sie mit der Konjunktur, Geh ́n Sie mit auf diese Tour...“ lautete.

Schon dieser Schlager beschreibt die damalige Lebenssituation am besten, soweit denn die nötigen Taler vorhanden waren.

Erzählt wird in diesem Roman die Geschichte eines großen Versandhauses, dessen Ähnlichkeit mit Neckermann oder Quelle nicht zu leugnen ist. Geschickt verpackt das Autorenduo, welches sich hinter dem Pseudonym verbirgt, den Aufschwung des Versandhauses mit dem Aufschwung der Wirtschaft der noch jungen Bundesrepublik. Schon der Slogan “Eulendorf liefert geschwind für Mann, Frau und Kind“ zeugt vom Enthusiasmus und Elan seiner Besitzer. Anni Eulendorf, die treibende Kraft mit Ideen, und ihr Mann Kurt, erweitern ihr Angebot nach und nach vom klassischen Warenagebot bis hin zu Möbeln und schließlich sogar einem Motorroller, liebevoll Eule genannt.

Auch wenn Kurt Eulendorf der Besitzer ist, die zündenden Ideen hat seine Frau, weshalb sie von ihren Mitarbeiterinnen auch die „Königin“ genannt wird.

Je erfolgreicher die Firma wird, desto schlechter scheint es um das Privatleben der beiden Eheleute zu stehen. Die „Dame vom Versandhandel“ ist nicht nur die Geschichte einer starken Frau, die ihren Weg gehen möchte, sondern auch ein Zeitzeugnis des sogenannten Wirtschaftswunders, das Glück auf Bestellung versprach, manchmal auch auf Raten.

Ein Roman, der einen scheinbar nimmer enden wollenden Aufschwung beschreibt, am Wachsen und blühen einer Firma, und gleichzeitig die Brüchigkeit und Zwiespältigkeit der frühen Bundesrepublik unter Adenauers Regierung aufzeigt. Spannend, lesenswert und zwischen den Zeilen sehr informativ.

Das Autorenpaar Ulrike Gerold und Wolfram Hänel hat hier wieder einmal Geschichte und Fiktion aufs Beste miteinander verbunden.

Von Sabine Jünemann



Unser Buchtipp im DK vom 6.7.20

H.G. Parry - Die unglaubliche Flucht des Uriah Heep

Buchhandlung Sabine Jünemann

Heyne Verlag, 608 Seiten, 14,99 €

Sie können es ruhig zugeben, Sie haben auch zuerst an eine Hardrock Band gedacht. Tatsächlich ist aber Uriah Heep ein Schurke aus Charles Dickens „David Copperfield“, ein kriecherischer, umtriebiger, arglistiger Schreiber, der dem jungen Copperfield bei jeder Gelegenheit das Leben schwer macht.

Und mit eben jenem müssen sich unsere Protagonisten auf vielfältig fiese Art auseinandersetzen.

Charley ist ein junges Genie. Alles was er anfasst, gelingt ihm, und er überflügelt mühelos jeden, gerade wenn es sich um Literatur handelt. Und er vermag Figuren aus Büchern so mit Leben zu füllen, dass sie sich materialisieren. Diese Fähigkeit hat er seit jüngster Kindheit und sie natürlich auch bei jeder Gelegenheit aus Versehen benutzt. Rob, sein älterer Bruder, fand es als Kind nichts sonderlich angenehm dem Phantom der Oper auf dem Weg zum Klo zu begegnen oder Graf Dracula davon abhalten zu müssen, sie beiden zu fressen.

Rob stand immer im Schatten seines genialen kleine Bruders. Und trotz aller Zuneigung geht ihm diese Fähigkeit doch gewaltig auf den Keks. So war er froh, als Charley schon als Jugendlicher nach Oxford berufen wurde, damit zog wenigstens Ruhe ein. Nun ist Charley jedoch zurück und hat eine Professur mit knapp 26 Jahren ausgerechnet in Wellington bekommen.

Fünf Tage ist er schon hier, als nachts um drei Uhr Rob von einem Anruf aus dem Schlaf gerissen wird. Am anderen Ende ist Charley, sein kleiner Bruder und Professor für Literatur, und bittet Rob hektisch, ja fast hysterisch um Hilfe: Ihm sei Uriah Heep entwischt. Rob ist nicht verwundert, sondern höchst entnervt. Denn wann immer die sonderbare Gabe seines Bruders, Charaktere aus Büchern Leben einzuhauchen, zu Tage tritt, ist es Rob, der das Ganze wieder geradebiegen muss. Für ihn als Anwalt und nüchterne Person, mit so gar keinem Verständnis für Literatur eine äußerst lästige Angelegenheit.

In der stockfinsteren Uni wird er kurz nach dem Eintreten mit einem Messer bedroht, was nun wirklich unerwartet kommt!

Dem Autor gelingt hier ein kleiner Drahtseilakt, einerseits ist das Buch voller Anspielungen und Erwähnungen rund um die Literatur, sowie andererseits ein spannender, witziger und phantastischer Abenteueroman.

Von Sarah Klecker



Unser Buchtipp im DK vom 29.6.20

Benjamin Myers - Offene See

Buchhandlung Sabine Jünemann

Dumont Verlag, 268 Seiten, 20,00 €

Es gibt Bücher, die ziehen mich in einen Bann, ohne zuvor auch nur eine einzige Zeile oder Wort gelesen zu haben. In diesem Falle war es der Einband und der Titel, die mich neugierig stimmten: „Offene See“ in rotgolden Buchstaben auf hellem Grund geprägt über einer schäumenden weißblauen Gischtwolke.

„Die Möglichkeit eines Lebens“, so die Einführung auf dem rückwärtigen Deckel, verheißen einerseits Endeckungsfreude, Abenteuerlust und gleichzeitig den Mut, herauszufinden, was das Leben für den Protagonisten Robert Applegate bereithält im England des ersten Nachkriegsjahres. Er liebt die Natur und die offene Landschaft. Als Sohn einer Familie von Bergarbeitern graut ihm davor, Untertage arbeiten zu müssen.

Wie soll er das schaffen, er, der die Weite liebt?

So macht sich der Zaudernde nach dem Ende des letzten Schuljahres auf, zu Fuß ein England zu erkunden, das jenseits der engen Grenzen liegt, die er aus dem Bergbaugebiet kennt und in dem er lebt, um endlich das Meer zu entdecken. Bisher kennt er nämlich nur jenen kohlschwarzen Tümpel, der als Meer an den Strand seiner Heimatgemeinde grenzt.

Es ist eine Reise ins Licht, in die Freiheit und in die Erkenntnis des eigenen Seins: Auf seiner Wanderung trifft er auf Dulcie, unkonventionell, reich und zurückgezogen in einem alten Cottage lebend – scheinbar abgeschieden vom Rest der Welt. Dulcie jedoch ist jene eine Person, die erkennt, welche Fähigkeiten in dem ungelenken Jungen schlummern, die Ideen in ihm wecken kann und sein Dasein ebenso hinterfragt wie seine Zukunft.

Ein Roman, in den der Leser kopfüber eintauchen und beglückt und erfrischt daraus wieder auftauchen wird, voller neuer spannender Eindrücke.

Benjamin Myers ist ein Autor, den es zu entdecken lohnt. Seiner poetischen Sprache in Gedanken zu lauschen und sich von ihr wie vom Meer an unbekannte Gestade tragen zu lassen, um diese dann alsbald zu erkunden.

Von Sabine Jünemann



Unser Buchtipp im DK vom 22.6.20

Pierre Jarawan - Ein Lied für die Vermissten

Buchhandlung Sabine Jünemann

Berlin Verlag, 461 Seiten, 22,00 €

Nach dem großen Erfolg von Pierre Jarawans Roman „Am Ende bleiben die Zedern“ entführt uns auch sein neuer Roman in den Libanon, zur Zeit des Arabischen Frühlings.

Erzählt wird die Geschichte von Amin, der als kleiner Junge nach dem Tod seiner Eltern mit seiner Großmutter nach München flüchtet. Als im Libanon nach dem Abzug der kriegsführenden Armeen wieder Ruhe einkehrt, nimmt die Großmutter den jetzt 12jährigen Amin und kehrt mit ihm zurück in ihre Heimatstadt Beirut. In der fast völlig zerstörten Stadt findet der Junge in Jafar einen Freund, mit dem er in den Ruinen und verlassenen Häusern nach Schätzen sucht und langsam erwachsen wird. Seine Großmutter lebt in dieser Stadt langsam wieder auf und erfüllt sich den Traum eines Cafés. Nach und nach erfährt er mehr über diese Frau, über die er eigentlich nur sehr wenig weiß.

In einer bildreichen Sprache entstehen vor unseren Augen die unterschiedlichsten Menschen, die in dieser einst so pulsierenden Großstadt leben. Die Geschichte des Nahen Ostens wird uns durch die Lebensgeschichte des jungen Amin und seinen Erinnerungen auf wunderbare, unterhaltsame Weise nahegebracht.

Von Karin Skrzypczak



Unser Buchtipp im DK vom 15.6.20

Davina Bell - Alfie und der Clownfisch

Buchhandlung Sabine Jünemann

Insel Verlag, 32 Seiten, 14,90 €

Alles ist vorbereitet, damit Alfie zum großen Unterwasser-Kostümfest gehen kann. Das Seestern Kostüm liegt bereit, und dann bekommt er doch wieder dieses komische Gefühl, genau wie damals vor dem Wettlauf und vor Antonias Dino-Party. Der Alptraum in der Nacht vor dem Fest macht alles noch schlimmer. Nun verlässt ihn völlig der Mut, und er möchte nicht mehr hingehen.

Alfie glaubt, dass seine Mutter nun böse auf ihn sein wird, doch so ist es nicht. Mama plant eine Überraschung: Statt zum Kostümfest, geht sie mit ihm ins Aquarium.

Dort ist es wunderschön, und fasziniert sieht er einen kleinen Fisch, der ihm zuzuwinken scheint und danach wieder zwischen den Korallen verschwindet. Das war ein Clownfisch, erzählt ihm seine Mutter, und Clownfische verstecken sich gerne, die sind halt so.

Plötzlich fühlt Alfie sich gar nicht mehr so schüchtern und denkt sich, dass er im nächsten Jahr vielleicht als Clownfisch zum Unterwasser-Kostümfest zu gehen kann.

Davina Bell erzählt, wie Alfie beginnt, seine Schüchternheit zu akzeptieren, um sie dann überwinden zu können.

Unterstützt wird diese nachdenkliche Geschichte zum Thema Ängste von den schönen, einfühlsamen Bildern der Zeichnerin Allison Colpoys. Ein wunderbar gestaltetes Bilderbuch aus dem Insel Verlag, für Menschen ab 3 Jahren.

Von Luise Harloff



Unser Buchtipp im DK vom 8.6.20

Markus Warken - K. I.

Buchhandlung Sabine Jünemann

Gmeiner Verlag, 348 Seiten, 15,00 €

Jana Loewe meldet sich für ein Referat über Propaganda in asymmetrischen Kriegen bei ihrem Professor, nicht ahnend in welchen Schlamassel sie dadurch geraten wird.

Ein wenig blauäugig meldet sie sich unter verschieden Aliasnamen in Foren an, die sie besser gemieden hätte. Nicht nur, dass sie plötzlich von Islamisten und Neonazis kontaktiert wird, auch ihr Rechner führt plötzlich ein Eigenleben. Stimmt es womöglich doch was Orwell schon in seinen Romanen skizzierte „Big Brother is watching you“?

Bisher hat Jana alle belächelt, die sich weigerten, online zu kommunizieren, oder ihre Girokonten auflösten, aus Angst jemand Fremdes könne darauf zugreifen. Jetzt, wo sie selbst in der Patsche sitzt, hört der Spaß auf. Selbst ihr alter Schulfreund Nils, ein begnadeter Hacker, kann ihr nicht helfen. Allen Lösungsversuchen zum Trotz erfährt die junge Studentin, was es heißt, gegen eine Künstliche Intelligenz ankämpfen zu müssen und unterlegen zu sein.

Markus Warkens hervorragender Thriller spielt genau jetzt im Hier und Heute. Innerhalb eines Jahres stellt er das Leben eines Menschen komplett auf Anfang oder Ende, je nachdem aus welchem Blickwinkel man es betrachtet. Unheimlich und packend zugleich.

Als promovierter Physikingenieur in der Forschung und Entwicklung von neuen Technologien verfügt der Autor über tiefe Einblicke in die Möglichkeiten der Telekommunikations- und Computerindustrie.

Sie sollten vor allem ihre Bankgeschäfte nach dem Lesen nochmal genau unter die Lupe nehmen und möglichst Ihre Virensoftware immer auf dem neuesten Stand halten.

Von Sabine Jünemann



Unser Buchtipp im DK vom 1.6.20

Manfred Theisen - Uncover – Die Trollfabrik

Buchhandlung Sabine Jünemann

Loewe Verlag, 398 Seiten, 14,95 €

Wissen Sie, was eine Trollfabrik ist?

Falls nicht, werden Sie, sobald Sie diesem Roman ausgelesen haben, manche Nachricht auf ihrem PC gelegentlich etwas argwöhnisch beäugen.

Phoenix Zander ist ein junger Mann von 17 Jahren, der mit seinen Freunden Khalil und Sarah einen Youtube-Kanal betreibt, in dem sie Nachrichten aufgreifen und analysieren. So weit, so harmlos. Ein nettes Hobby. Nun ist allerdings Khalil an brisante Daten gekommen. Sie wollen sie auf ihrem Kanal veröffentlichen und ahnen nicht, wie schnell sie sich damit Ärger einhandeln.

Parallel dazu wird die Sicht von Leonid erzählt, der unterfordert und gelangweilt in einer als Callcenter getarnten Trollfabrik in Narwa, Estland sitzt und den lieben langen Tag Hasskommentare ins Netz bläst. Seine Vorgesetzte sieht das chaotische Potenzial und beschließt, den ehemaligen Soldaten auf diesen lästigen Youtuber anzusetzen. Leonid muss die Veröffentlichung des Materials verhindern, koste es, was es wolle!

Die drei Freunde hingegen begeben sich unbeirrt und trotz der Gefahren auf Spurensuche. Bis zur letzten Seite lauert die Gefahr, zumal die „Trolle“, viele an der Zahl, durchaus gewillt sind, im realen Leben zu allen Mitteln zu greifen, um Phoenix und seine Freunde zum Schweigen zu bringen.

Eine Trollfabrik ist eine verdeckte Organisation, die im Auftrag eines Staates Falschinformationen – quasi 'echte' Fake News – im Internet streut. Mit fingierten Identitäten und falschen Accounts wird die öffentliche Stimmung in Online-Foren und Kommentaren von Nachrichtenseiten oftmals zum Übleren geschürt. Ganz im Sinne der auftraggebenden Regierung.

Manfred Theisen, seines Zeichens selbst Politologe, hat dieses Thema aufgegriffen und einen packenden Polit-Thriller für Menschen ab 14 Jahren geschrieben.

Von Sarah-Katarina Klecker



Unser Buchtipp im DK vom 25.5.20

Kiran Millwood Hargrave - VARDØ – Nach dem Sturm

Buchhandlung Sabine Jünemann

Diana Verlag, 430 Seiten, 20,00 €

Am Morgen des Heiligabend 1617 sind die Männer des Dorfes der Insel Vardø zum Fischen gefahren. Auf dem Rückweg in den sicheren Hafen werden sie von einem plötzlichen Seesturm überrascht, der fast alle Boote in die Tiefe reißt. Die Frauen, die auf den Klippen oberhalb des Fischerdorfes auf deren Rückkehr warten, müssen ohnmächtig mit ansehen, wie ihre Männer, Väter, Brüder und Söhne im Schlund des Meeres verschwinden.

Wie erschlagen schleppen sich die Frauen in ihre leeren Häuser, versunken in ihrer Trauer, um die Liebsten, die ihnen genommen wurden. Unter den Toten ist auch der Pfarrer des Ortes. Damit schwindet auch die Möglichkeit der ordentlichen Bestattung für die Verstorbenen.

Wie soll es weiter gehen? Wer soll sie ernähren? Wovon sollen sie leben? Es dauert seine Zeit, bis sich die Zurückgebliebenen ihren neuen Aufgaben stellen können. Doch mit der Tatkraft und Zähigkeit, die diesen Frauen zu eigen ist, gelingt ein neuer Anfang. Ende gut, alles gut, könnte man meinen.

Drei Jahre später jedoch wird vom dänischen König, dem Norwegen damals unterstand, ein neuer Pfarrer eingesetzt. Er kommt aus Schottland und war dort für seine Strenge, Härte und die Verfolgung von Hexen bekannt. Seine neue Wirkungsstätte ist ihm ein Dorn im Auge, trifft er doch auf unabhängige Frauen, die ihm die Stirn zu bieten wagen. Kann das gut gehen?

Dieser Roman über die Kraft, die Widerstandsfähigkeit und den Mut von Frauen in scheinbar ausweglosen Situationen ist packend und beeindruckend zu lesen. Auch wenn Neid und Missgunst zusätzliche Opfer fordern, lesen Sie ihn, er fesselt von der ersten bis zur letzten Zeile!

Von Sabine Jünemann



Unser Buchtipp im DK vom 18.5.20

Jørn Lier Horst - Wisting und der fensterlose Raum

Buchhandlung Sabine Jünemann

Piper Verlag, 428 Seiten, 15,00 €

Natürliche Todesfälle werden normalerweise nicht von einer Sonderkommission der Polizei unter strenger Geheimhaltung untersucht. Wenn es sich bei dem Toten aber um einen im Ruhestand befindlichen, ehemaligen hochrangigen Politiker handelt, in dessen Wochenendhaus sich eine sehr hohe Geldsumme in unterschiedlichen Währungen in diversen Pappkartons befindet, sieht es doch etwas anders aus. Kaum hat Wisting, der diese brisante Ermittlung leitet, zusammen mit seinem Kollegen Mortensen das Geld zwecks genauerer Untersuchung aus der Hütte entfernt, steht diese lichterloh in Flammen. Zufall? Daran glaubt niemand. Unter Hochdruck und mit Hilfe von Line, der Tochter von Wisting, einer freiberuflichen Journalistin, und einem Kollegen, der gerade an einem alten, ungelösten Fall arbeitet der mit dem Ganzen verknüpft ist, begeben sich alle nicht nur in die Vergangenheit des toten Ex-Ministers und seiner Familie.

Spannend und wieder sehr gut erzählt, wie schon der erste Fall des besten Kommissars Norwegens. Eine Vorausetzung ist die Kenntnis des ersten Buches nicht, da es sich auch hier wieder um einen abgeschlossenen Fall handelt. Für alle, die gerne nordische Kriminalromane lesen, wunderbar geeignet.

Von Karin Skrzypczak



Unser Buchtipp im DK vom 11.5.20

Sarah Bergmann - Der Junge aus dem Trümmerland

Buchhandlung Sabine Jünemann

Magellan Verlag, 237 Seiten, 15,00 €

Paul lebt im amerikanischen Sektor des vom Krieg zerstörten Berlin. Es ist 1947, also kurz nach dem 2. Weltkrieg. Nach der Schule trifft er sich mit seinen Freuden zum Spielen in den Straßen mit den einsturzgefährdeten Häusern. Lebensmittel sind rationiert und müssen mit Lebensmittelkarten eingekauft werden. So wird versucht, das Wenige möglichst gleichmäßig auf die Bevölkerung zu verteilen. Doch es ist nicht genug! Die Menschen hungern, und die Kinder sind auf die Schulspeisung angewiesen. Jede Familie versucht zusätzlich Essen auf dem Schwarzmarkt zu organisieren, für das fast immer die letzten Wertgegenstände, wie Schmuck der noch besessen wird, eingetauscht werden. Auch Paul organisiert Essen und klaut sogar Kohle, weil er seinem Vater versprochen hatte, sich um die Mutter zu kümmern. Immer noch hofft er, dass der vermisste Vater zu ihnen zurückkehrt.

Die Mutter jedoch hat die Hoffnung längst aufgegeben und sich mit einem afroamerikanischen Soldaten angefreundet und will ihn sogar heiraten. Paul ist entsetzt. Er und seine Freunde sind im Nationalsozialismus so erzogen worden, dass die so genannten „Untermenschen“ nichts wert sind, wozu auch farbige Menschen wie Bill, der Freund der Mutter, gehörten.

Dann kehrt der Vater doch noch zurück, und Paul hofft, dass jetzt alles wieder wie früher wird. Ob sich seine Hoffnung wohl erfüllen wird?

Sarah Bergmann hat ein eindrückliches Buch für Menschen ab 12 Jahren über das Leben nach dem 2. Wertkrieg geschrieben. Anschaulich beschreibt sie die Situation der Menschen, vor allem der Kinder, nach dem Krieg, und auch ihre widerstreitenden Gefühle. Ein sehr lesenswertes Buch, das ein Licht auf die Zeit wirft, deren Ende sich sich jetzt zum 75. Mal jährt.

Von Luise Harloff



Unser Buchtipp im DK vom 4.5.20

Michelle Marly - Die Diva – Maria Callas

Buchhandlung Sabine Jünemann

Aufbau Verlag, 419 Seiten, 12,99 €

Maria Callas war 36, als sie Aristoteles Onassis auf einer Dinnerparty im Jahr 1957 kennenlernte. Sie galt zu dem Zeitpunkt als Diva Assoluta. Legendär ihre Stimme, die 3 Oktaven umfasste, zudem war La Callas ebenso gefürchtet, wie geliebt und verehrt.

Hinzu kam ihr Sinn für Dramatik, der ihr Auftreten so intensiv wirken ließ. Sowohl Onassis als auch die Callas sind zudem Zeitpunkt jeder mit einem Partner verheiratet und scheinen glücklich. Dennoch knistert es zwischen der beiden. Zwei Seelen scheinen sich gefunden zu haben. Auch wenn es Maria Callas widerstrebt, ihren Gefühlen nachzugeben, entspinnt sich zwischen ihr und Aristo, wie er von ihr genannt wird, eine Liebesbeziehung. Zwar wird es nie zu einer Heirat kommen. Trotz aller Widrigkeiten werden beide einander jedoch verbunden bleiben.

Dieser Roman versucht die Geschichte dieser Liebesbeziehung zu erzählen und so den Lesern die Primadonna und ihre Gefühle näher zu bringen, jenseits allen Klatsches und Tratsches. Michelle Marly, die zu Beginn der 70er Jahre ihre Karriere als Journalistin begann, hat noch viele der damaligen Presse- und Skandalgeschichten im Ohr. So fiel es ihr leicht, aus ihren eigenen Quellen den Ansatz zu diesem interessanten Roman zu finden. Entstanden ist die berührende Liebesgeschichte zweier Menschen, die in den Konventionen ihrer Zeit gefangen sind und auch aus Stolz und Verbitterung über manche zugefügte Kränkung manchmal nicht zueinanderfinden können.

Hinreißend zu lesen.

Von Sabine Jünemann



Unser Buchtipp im DK vom 27.4.20

Jenny Colgan - Wo das Glück zuhause ist

Buchhandlung Sabine Jünemann

Piper Verlag, 488 Seiten, 11,00 €

Nina hat als Bibliothekarin ein einzigartiges Talent. Sie weiß immer genau für jede Leserin und jeden Leser, egal ob klein oder groß, alt oder jung, das richtige Buch zu finden. Nämlich jenes eine, das in diesem Moment zum Lebensretter werden wird.

Als jedoch die Stadt Birmingham die Stadtteil-Bücherei schließt, steht sie plötzlich ohne Job da. Da helfen auch erst einmal ihre Bücher nicht weiter. Trotzdem kauft sie vom Bücherei-Bestand so viele Bücher, wie ihr Auto, ein kleiner Minicooper fasst, auf. Ihre Mitbewohnerin ist entsetzt. So viel Gewicht wird der Fußboden ihrer Wohnung nicht verkraften, denn schon jetzt stapeln sich überall Bücher, sogar auf dem Klo. Jetzt ist es genug findet sie, und fordert Nina zum Ausziehen aus.

Trotz alledem findet Nina genau in jener Nacht heraus, was sie wirklich will. Eine eigene Buchhandlung!

Wie sie diese Idee verwirklicht, und welche Abenteuer sie dabei erlebt ist amüsant und komisch zugleich. Denn nie im Leben hätte die scheue junge Frau geglaubt, dass sich ausgerechnet in den schottischen Highlands ihr Traum verwirklichen ließe, auch wenn damit ziemliche Verwicklungen einhergehen.

Ein grandioser Spaß - einfach gut zum Abtauchen und Luft holen.

Von Sabine Jünemann



Unser Buchtipp im DK vom 20.4.20

Peter Schneider - Vivaldi und seine Töchter

Buchhandlung Sabine Jünemann

Kiepenheuer & Witsch, 288 Seiten, 20,00 €

Was für ein wunderbarer Film wäre das über Vivaldi geworden mit Michael Ballhaus als Kameramann. Lange Jahre waren er und der Autor befreundet und sprachen wohl oft über diesen großen italienischen Meister. Heute mag man kaum glauben, dass dessen Werk mehr als ein Jahrhundert als verschollen galt und nur durch einen Zufall wiederentdeckt wurde. Viele damalige und auch neuere Musikwissenschaftler wussten mit dem Namen des Komponisten nichts anzufangen.

Johann Sebastian Bach erging es übrigens ähnlich. Seine Renaissance setzte mit Felix Mendelssohn-Bartholdy ein, als dieser dessen Werke in Leipzig, mit Gründung der neuen Hochschule, aufführen ließ. In einigen Stücken tauchte Bachs Hinweis auf „da Vivaldi“. Keiner der damaligen Bachforscher kannte diesen italienischen Musiker. Wer sollte das sein? Wo und wann hatte er gelebt?

Eindrücklich erzählt der Autor das Leben Antonio Vivaldis, soweit es belegt ist, ohne allzu viel dichterische Freiheiten. Geboren wurde Vivaldi im März 1678. Der „prete rosso“, der rote Priester, so genannt wegen seines roten Haarschopfes, war lange Zeit Seelsorger und Lehrer am Ospedale della Piéta in Venedig, wo er die Mädchen und jungen Frauen unterrichtete, und für die er komponierte. Mit ihnen führte er an Sonntag-Nachmittagen seine Stücke in Konzerten auf. Eine Zeitlang versuchte er sich, um seine Familie zu unterstützen, auch als Opernkomponist, was ihm aber nicht allzu gut lag. Lieber verkaufte er seine Stücke für Violine und andere Instrumentalstücke als Handschrift, und seine Zeit als Lehrer gleich mit dazu. Sein Versuch, in Wien eine Anstellung zu erlangen, schlug durch den Ausbruch des preußisch-österreichischen Krieges fehl, so dass er verarmt 1741 dort verstarb. Ebenso wie Mozart, der 50 Jahre später starb, wurde er in einem Armengrab bestattet.

Es sollte bis in die 20iger Jahre de 20. Jahrhunderts dauern, bis er wiederentdeckt wurde. Heute gehört sein Opus 8 mit dem Violinkonzert „die Vier Jahreszeiten“ zu den meistgespielten klassischen Stücken überhaupt.

Peter Schneiders Buch ist eine Hommage an diesen begnadeten Musiker, die so manche Überraschung bereithält und sehr lesenswert ist.

Von Sabine Jünemann



Unser Buchtipp im DK vom 13.4.20

Sheila O‘Flanagan - Das Haus am Orangenhain

Buchhandlung Sabine Jünemann

Insel TB, 419 Seiten, 10,00 €

Juno Ryan, kompetent und bildhübsch, ist am Boden zerstört. Vor wenigen Wochen kam ihr Freund bei einem Erdbeben ums Leben. Die Trauer und das Entsetzen darüber war groß. Noch größer allerdings die Wut und Enttäuschung darüber ausgenutzt worden zu sein. Wer erfährt schon gerne, dass man nur die zweite Garnitur ist, da der Liebste in Wirklichkeit seit vielen Jahren als glücklich verheiratet galt und Vater eines Kindes war.

Das Fingerspitzengefühl, das sie für ihren Beruf braucht, ist vorerst futsch, so dass sie dankbar das Angebot ihrer Chefin annimmt, ein Vierteljahr unbezahlten Urlaub zu nehmen. Eine Kollegin bietet ihr an in dem Haus ihrer verstorbenen Großmutter in Spanien zu wohnen, der Villa Naranja.

Gesagt getan! Das alte Haus entpuppt sich als etwas heruntergekommener Landsitz einer adligen Familie, umgeben von Weinbergen und Orangenhainen. Hier, unter dem strahlendblauen Himmel des Südens und der Herzlichkeit seiner Bewohner, gelingt es Juno langsam wieder ins Leben zurückzufinden. Nicht ganz unbeteiligt ist der attraktive Sohn ihres Nachbarn, der täglich den Pool reinigen kommt. So entwickelt sich eine kleine Romanze, die Juno neuen Lebensmut gibt.

Natürlich geht es nicht ohne Verwicklungen ab, sonst wäre es ja langweilig. Soviel sei hier verraten – es entwickelt sich eine temporeiche Liebesgeschichte, an deren Ende sich die bodenständige Juno entscheiden muss, wem sie ihr Herz nun schenken soll.

Amüsant und kurzweilig zu lesen, mit dem gerade jetzt so sehr benötigten Wohlfühlmoment.

Von Sabine Jünemann



Unser Buchtipp im DK vom 6.4.20

Regina Porter - Die Reisenden

Buchhandlung Sabine Jünemann

Fischer Verlag, 379 Seiten, 22,00 €

Der Debütroman der amerikanischen Autorin Regina Porter ist so vielschichtig und umfangreich, dass daraus mit Leichtigkeit auch mehrere Romane hätten werden können. Sechs Jahrzehnte amerikanische Geschichte wird anhand zweier Familien, die eine schwarz, die andere weiß, mit so vielen Personen sowie Ort- und Zeitwechseln erzählt, dass trotz aller Spannung dem Leser/der Leserin einiges an Konzentration abverlangt wird. Lässt man sich aber erst einmal auf diesen Roman ein, fügen sich allmählich die vielen einzelnen Geschichten zu einem wunderbaren Ganzen, das von der Bürgerrechtsbewegung bis zur Ära Obamas das Land Amerika in seiner ganzen Vielfalt zeigt. Ein Roman voller Liebesgeschichten, die häufig auch scheitern und das nicht nur am alltäglichen Rassismus, der sich durch die Jahrzehnte zieht. Absolut lesenswert!

Von Karin Skrzypczak



Unser Buchtipp im DK vom 30.3.20

Charlie Mackesy - Der Junge, der Maulwurf, der Fuchs und das Pferd

Buchhandlung Sabine Jünemann

Verlag Ullstein-List, 128 Seiten, 20,00 €

Es war einmal, so fangen viele Märchen an. Nur dass diese zauberhafte Geschichte kein Märchen ist, sondern eher eine Fabel.

Ein einsamer kleiner Junge trifft eines Tages auf einen Maulwurf. Dieser liebt Kuchen und hat wunderbare Ratschläge, wie man vielleicht ein wenig Zeit miteinander verbringen könnte. Auf ihren langen Streifzügen durch die Natur treffen sie auf einen Fuchs, der sich in einer Falle gefangen hat und furchtbar wütend vor Angst und Schmerzen ist. Dennoch folgt er dem Rat des Maulwurfes, den Draht durchzubeißen. Die neugewonnene Freiheit lässt ihn sich dankbar den beiden ungleichen Freunden anschließen und so auch neuen Mut finden.

Die Gespräche zwischen den Dreien werden immer philosophischer, so dass sie nicht überrascht sind, auf ein sehr kluges und weises Pferd zu treffen. Sie lernen, wie wichtig das Miteinander und Aufeinander zugehen ist, ebenso wie sich selbst zu erkennen und auch um Hilfe zu bitten.

Eine wunderbar nachdenkliche und gleichzeitig philosophische Geschichte, die in schwierigen Zeiten das Herz erfreut und zu einem neuen Miteinander anregt. Liebevoll illustriert und voller Güte, die wir gerade jetzt alle so bitter nötig haben.

Von Sabine Jünemann



Unser Buchtipp im DK vom 23.3.20

Madeline Miller - Das Lied des Achill

Buchhandlung Sabine Jünemann

Eisele Verlag, 412 Seiten, 16,99 €

Im Streit um ein paar Würfel geschieht das Unglück. Prinz Kleitonymos stürzt, schlägt mit dem Kopf auf einen Stein und stirbt, weil Patroklos ihn weggestoßen hat. Obwohl auch er ein Prinz ist, wird Patroklos dafür von seinem Vater Menoitis verstoßen. Wie viele andere Jungen, wird er von König Peleus gegen Geld aufgenommen, um für ihn zum Krieger ausgebildet zu werden. So verbinden sich die Leben von Achill, Sohn des Königs Peleus und der Meeresgöttin Thetis, und Patroklos.

Die beiden Jungen freunden sich an und verbringen einige Jahre glücklicher Kindheit am Hof. Als Achill zum Zentauren Cheiron zur Ausbildung geschickt wird, absolvieren sie auch diese gemeinsam. In dieser Zeit wächst auch ihre Zuneigung zueinander weiter. Zusammen ziehen sie dann in den Krieg gegen Troja.

Wie prophezeit, erweist sich Achill als großer Kämpfer, als ‚Bester aller Griechen‘. Patroklos hingegen entpuppt sich als begnadeter Heiler. Die offensichtliche Liebe zwischen ihnen wird jedoch, vor allem von Achills Mutter, nicht gern gesehen. Die Liebe, in all ihren Formen, das zeigt diese Geschichte, kann eine verhängnisvolle Macht sein.

Madleine Miller zeichnet auch in diesem Roman ein eindrucksvolles Bild der Antike. Doch auch die bekannte Geschichte um Troja hält bei ihr noch Überraschendes bereit.

Folgen Sie mit diesem Buch der Empfehlung, Zuhause zu bleiben und zu lesen. Absolut Lesenswert. Und wenn es zu schnell geendet haben sollte, gibt es da ja noch den Titel ‚Circe‘ der gleichen Autorin.

Von Luise Harloff



Unser Buchtipp im DK vom 16.3.20

Gräfin Sybil Schönfeld - Sonderappell

Buchhandlung Sabine Jünemann

Verlag ebersbach & simon, 282 Seiten, 22,00 €

75 Jahre nach Kriegsende ist diese Geschichte immer noch so frisch und eindrücklich zu lesen wie nach dem erstmaligen Erscheinen Ende der 70ger Jahre, in welchem die Autorin ihre eigenen Erlebnisse verarbeitet hat.

Ein kalter Spätwintermorgen gegen Ende des Krieges. Lotte steht in aller Frühe mit ihren Großeltern auf dem Bremerhavener Bahnhof. Sie wartet auf die Abfahrt des Zuges, der sie zu ihrem Einsatz für den Reichsarbeitsdienst nach Oberschlesien bringen soll. Eine raue und kalte Gegend. Der Großvater, selbst noch alter Soldat aus den ersten Weltkrieg und jetzt in der Heimatstadt als Major nochmals verpflichtet, verabschiedet sich mit den Worten; „Du trägst jetzt des Führers Rock – verhalte dich entsprechend...“

Der erste Arbeitseinsatz für Lotte besteht darin, an ihrem Einsatzstandort die verdreckten Latrinen zu reinigen – eine Herkulesaufgabe. Die zu leistenden Arbeiten sind vielfältig, und die junge Frau wächst an ihren Aufgaben. Allerdings wachsen auch ihre Zweifel, ob das was, um sie herum geschieht, rechtmäßig ist.

Je näher die Front von Osten heranrückt, desto weniger werden sie an ihrem Standort. So fasst auch Lotte eines Tages einen Entschluss. Sie wird sich gen Westen bewegen, nicht ahnend, welche Odyssee ihr bevorstehen wird und ob sie und ihre Großeltern einander gesund wiedersehen werden.

Dieser eindrückliche Roman, der lange Zeit vergriffen war, ist bereits für Jugendliche ab 14 Jahren gut lesbar und vermittelt auf das Eindrücklichste nicht nur den Schrecken des Krieges und wie das Erlebte den Menschen verändert, sondern auch die Spätfolgen. Dazu gehört auch das Erstarken der Neonazis, denn die Führungsmitglieder des Reichsarbeitsdienstes wurden ohne Wenn und Aber in die diversen Dienste der jungen Bundesrepublik übernommen, unter anderem auch als Lehrkräfte. Der damalige Leiter des RAD hatte es verstanden, seine Abteilung weitgehend parteiunabhängig zu führen, so dass nach dem Krieg keine Entnazifizierung stattfand.

Von Sabine Jünemann



Unser Buchtipp im DK vom 9.3.20

Sigrid Nunez - Der Freund

Buchhandlung Sabine Jünemann

Aufbau Verlag, 234 Seiten, 20,00 €

„Ein Freund, ein guter Freund, das ist das Schönste was es gibt auf der Welt...“, so beginnt ein alter Schlager aus den 30er Jahren und besingt damit aufs Beste den Wert der Freundschaft.

Im vorliegenden Fall stirbt der langjährige Freund und Weggefährte der Erzählerin von eigener Hand und hinterlässt ihr als Erbe seinen Hund: Apollo – Eine dänische Dogge von 80 kg, mit einer Schulterhöhe von einem Meter und aufgerichtet über zwei Meter lang. Sie ist entsetzt. Wo soll sie das Tier unterbringen? Schließlich ist in ihrem Haus keine Haustierhaltung erlaubt, und außerdem ist ihre Wohnung nur knapp 50 qm² groß. Sie ist sowieso eher ein Katzenmensch. Trotzdem erbarmt sie sich des Hundes, als sie feststellt, dass Apollo genauso trauert wie sie selbst, wenn nicht gar mehr.

Die Autorin schafft in diesem Fall den Drahtseilakt zwischen Essay, langem Brief und Erinnerung. Sie pendelt zwischen den Betrachtungen zu ihrem besten Freund, ihrer endlos erscheinenden Arbeit als Schriftstellerin und ihren immer umfangreicher werdenden Erkenntnissen über Hunde. Nie verfällt sie in Rührseligkeit, sondern schreibt lakonisch und mit viel feiner Selbstironie. Erheitert den Lesern über Betrachtungen zur Hoch- und Popkultur. In einer Erzählung ohne Sentimentalität, die doch so eindrücklich schildert wie eine neue Freundschaft entsteht, die über die Trauer hinweg trägt und zu einem neuen Lebensmut verhilft.

Es ist eine alte Geschichte, dass in vielen Fällen nach einem Verlust ein Tier einem Trauernden neuen Lebensmut vermitteln kann, die hier auf schönste beschrieben wird und die Leser und Leserinnen beglückt und getröstet zurück lässt.

Von Sabine Jünemann



Unser Buchtipp im DK vom 2.3.20

Jennifer Egan - Manhattan Beach

Buchhandlung Sabine Jünemann

Fischer Verlag, 488 Seiten, 12,00 €

Im Jahr 1934, irgendwo in der Nähe von New York. Es beginnt damit, dass die elfjährige Anna ihren Vater bei einem Besuch eines nicht näher erläuterten Hauses am Meer begleitet. Die Stimmung des Vaters ist angespannt ob des Besuches. Anna beobachtet alles sehr genau - das Geplänkel, die beiläufige Übergabe eines Päckchens - und gibt sich stärker, als sie sich eigentlich fühlt. Der Gastgeber Mr. Styles ist freundlich, auch wenn er lieber die Gespräche draußen im Freien führt „fern von neugierigen Ohren“. Erst später wird klar, wer dieser Mann wirklich war und was der Vater da eigentlich getan hat.

Nachdem der Vater eines Nachts spurlos verschwindet, ist es an Anna, ihre Familie irgendwie über Wasser zu halten. Als der zweite Weltkrieg ausbricht und Frauen plötzlich allerorten die Arbeit der eingezogenen Männer machen müssen, eröffnen sich für Anna neue ungeahnte Möglichkeiten.

Diese Buch fesselt einen: Die innige Liebe zu ihrer schwerst behinderten Schwester, ihre Loyalität der Mutter gegenüber, neben der Bewunderung und Sehnsucht nach dem verschwundenen Vater. Annas Hunger nach dem Leben, dieser Wunsch nicht nur Ziermünzen an Hüte zu nähen und technische Bauteile überprüfen zu müssen. Anna will mehr und ist dafür bereit, alles zu geben, auch wenn sie zwischen ihren Verpflichtungen und Sehnsüchten möglicherweise zerrieben wird.

Dieser Roman erzählt nicht nur die Geschichte der ersten Marinetaucherin der amerikanischen Geschichte, sondern ist auch eine spannende Geschichte der Gewerkschaften und ihrer kriminellen Verflechtungen. Ein schillerndes Porträt des New York der 30er und 40er Jahre und außerdem eine Liebeserklärung an das Meer.

Sprachlich vielseitig, spannend geschrieben. Eine Geschichte mit Sogwirkung!

Von Sarah-Katarina Klecker



Unser Buchtipp im DK vom 24.2.20

Deborah Moggach - Die Liebe einer Tochter

Buchhandlung Sabine Jünemann

Insel Verlag, 203 Seiten, 10,95 €

Es ist zum Verzweifeln, finden Phoebe und Robert. Seit dem Tod ihrer Mutter baut ihr einst so rüstiger Vater mehr und mehr ab. James, ein ehemaliger Wissenschaftler, ist 80 und für manche Überraschung gut, zumal er mit seinen Aus- und Ansprüchen bereits mehrere Betreuerinnen und Pflegekräfte zur Kündigung veranlasst hat. Erst Mandy scheint ihm seinen Alltag behaglich gestalten zu können. Zwar ist ihre Kleidung jenseits des guten Geschmacks, doch über den lässt sich bekanntlich trefflich streiten!

Etwas verwundert sind die Geschwister jedoch über die bisher eher unüblichen Freizeitgestaltung ihres Vaters und seiner Pflegerin, von Ausflügen bis zum Zoobesuch, von der Quizsendung bis zum Einkaufsbummel ist alles dabei. Mandy scheint James' Leben komplett umgekrempelt zu haben. Etwas misstrauisch beobachten Schwester und Bruder die Veränderungen und die zunehmende Vertrautheit ihres Vaters mit der jungen Frau, von der sie sich ausgeschlossen fühlen.

Bevor die beiden der Sache auf den Grund gehen können, geschieht jedoch etwas Unvorhergesehenes, das alle Beteiligten dazu bringt, ihrer aller Leben zu überdenken.

Tiefgründig und humorvoll schildert die Autorin in ihrem Roman die verzwickten Familienverhältnisse und die Überraschungen, die einem die Familienmitglieder so manches mal unverhofft bereiten. Zauberhaft nachdenklich.

Von Sabine Jünemann



Unser Buchtipp im DK vom 17.2.20

Jørn Lier Horst - Wisting und der Tag der Vermissten

Buchhandlung Sabine Jünemann

Piper Verlag, 448 Seiten, 15,00 €

Ein skandinavischer Kriminalroman ohne depressiven, alkoholabhängigen Kommissar und einer Handlung, die so brutal ist, dass man manchmal kaum noch weiterlesen mag, ist das überhaupt noch möglich? Ja, Jørn Lier Horst hat mit seinem norwegischen Kommissar Wisting bewiesen, dass Spannung bis zur letzten Seite auch anders funktionieren kann. Ein junger, ehrgeiziger Kommissar aus Oslo, der alte ungelöste Fälle bearbeitet, sucht die Unterstützung vor Ort bei Kommissar Wisting. Gleichzeitig spannt er auch ohne dessen Wissen die Presse vor Ort für seine Zwecke ein und wendet sich dabei bewusst an die Journalistin Line Wisting, die sich eigentlich noch im Mutterschutz befindet und Tochter des Kommissars ist. Durch neuere Ermittlungstechniken ergab sich ein Zusammenhang zwischen zwei alten Fällen. Sie betreffen ausgerechnet den Mann, den Wisting nun schon seit 24 Jahren immer am Tag des spurlosen Verschwindens von dessen Frau besucht und zu dem er ein fast freundschaftliches Verhältnis aufgebaut hat. Vor ähnlich langer Zeit verschwand eine junge Frau spurlos auf dem Weg nach Hause, nachdem sie nach einem Streit mit ihrem Freund eine Party abrupt verlassen hatte. Kommissar Stiller aus Oslo zeigt ein sehr persönliches Interesse daran diese Fälle endlich aufzuklären und schreckt auch vor unkonventionellen Methoden nicht zurück. Dennoch ist ihm der erfahrene Kommissar vor Ort und bald auch dessen Tochter immer ein Stück voraus. Sympathische Hauptfiguren machen diesen Kriminalroman besonders lesenswert und neugierig auf die nächsten Fälle, die bald folgen werden.

Von Karin Skrzypczak



Unser Buchtipp im DK vom 10.2.20

Christoph Scheuring - Sturm

Buchhandlung Sabine Jünemann

Magellan Verlag, 300 Seiten, 18,00 €

Wie schlimm kann es schon werden? Der Kapitän wird doch nicht direkt in den Sturm hineinfahren, um zu fischen? Die 18 jährige Nora Petersen ist an Bord des Fischerbootes des jüngsten Kapitäns Kanadas, dem 23 Jahre alten Johan Meinart. Jetzt erlebt sie den schweren Sturm hautnah mit.

Weil Nora klarstellen will, dass ihr Bericht für die Schülerzeitung über den Schlachthof in ihrer Heimatstadt der Wahrheit entspricht, kettet sie sich an das Tor des Schlachthofes. Natürlich erstattet der Schlachthofbetreiber Anzeige, so das Anklage erhoben wird.

Etwas widerwillig gibt die Richterin der Klage statt, und Nora wird zu 300 Sozialstunden verurteilt. Diese wird sie bei der Umweltorganisation 'Ocean Watch' leisten müssen. Deren örtliche Leiterin der Außenstelle schlägt vor, die Stunden an einem Stück in den Herbstferien zu machen.

Drei Tage später fliegt Nora nach Kanada, um als Beobachterin für die kanadische Regierung auf dem Boot der Familie Meinart, deren Vorfahren aus Deutschland stammen, mitzufahren. Hier soll sie dokumentieren, ob jene ihre Fangquoten einhält. Organisiert wird die ganze Aktion von der Meeres-Umweltorganisation 'Ocean Watch'. Schon auf der ersten Fahrt gerät das Boot in jenen oben beschriebenen Sturm, dessen Geschichte mich an den Film 'Der Sturm' mit George Clooney erinnert hat.

Der Roman von Christoph Scheuring reißt viele aktuelle und wichtige Themen wie den Umweltschutz und den Klimawandel, aber auch die Gewalt gegen Mensch und Tier an. Die Frage, wie weit man für eine gute Sache gehen darf, ist auch eine Grundsatzfrage! Trotz oder gerade wegen dieser ernsten und bedenkenswerten Themen ist daraus eine spannende, mitreißende Geschichte für Menschen ab 14 Jahren geworden, die auch noch Erwachsene fesselt, so wie sie mich begeistert hat. Dies gilt sicher auch für Jugendliche, die sich für die aktuelle Weltlage, und die „Fridays-for-future“ Bewegung interessieren.

Von Luise Harloff



Unser Buchtipp im DK vom 3.2.20

Dagmar Hansen - Alle Tage, die wir leben

Buchhandlung Sabine Jünemann

Rowohlt Verlag, 316 Seiten, 10,00 €

„It's my life!“ - Jon Bon Jovi in Bestform und das als Ständchen zum 60. Geburtstag. Tilda hatte sich ihren Geburtstag und den neuen Lebensabschnitt zwar ursprünglich anders vorgestellt, doch erstens kommt es anders und zweitens als man denkt!

Einen Monat vor ihrem großen Tag war Tilda plötzlich ohne Job. Dazu hatte sich ihr Lebensgefährte spontan entschieden, sich von ihr zu trennen, so dass ihr das Leben momentan nicht ganz so rosig erscheint wie es dieser strahlende Sommer eigentlich verheißen hat. Alles nochmal auf Anfang? Ihre Laune ist im Keller. Deprimiert liest sie sich durch die Kleinanzeigen auf der Suche nach einem neuen Job und stößt auf das Inserat einer Frau im „besten Alter“, die Dame ist 84 Jahre, die eine Sekretärin, Chauffeurin und persönliche Assistentin sucht, um in ihrem eigenen Leben aufzuräumen. Anders ausgedrückt: Ihre Angelegenheiten zu ordnen, eine Methode, die aus Skandinavien kommt und sich „Death Cleaning“ nennt. Was nichts anderes bedeutet, als den Nachlass für die Angehörigen zu organisieren. Ob das das Richtige sein könnte?

Zwar klingt Ruths Wunsch etwas morbide, aber andererseits ist die alte Dame so voller Elan, dass Tilda sich von ihrer Begeisterung anstecken lässt. Wer weiß, vielleicht kann sie ja auch für sich selbst ein paar Details klären.

Manchmal ist das Leben ein Abenteuer und ehe man sich versieht, eröffnen sich ungeahnte Möglichkeiten.

Ein amüsanter und unterhaltsamer Roman für Frauen im besten Alter, die sich trauen, eingefahrene Wege auch mal zu verlassen. Viel Spaß beim Lesen!

Von Sabine Jünemann



Unser Buchtipp im DK vom 27.1.20

Chris Brookmyre – Dunkle Freunde

Buchhandlung Sabine Jünemann

Rowohlt Verlag, 542 Seiten, 13,00 €

Verehrte Leser, Chris Brookmyre wird zu wenig übersetzt, es gibt viel zu wenig Bücher von ihm auf Deutsch. Nur durch Zufall kam nun zu Tage, dass dieser wunderbare Autor eine ganze Buchreihe rund um den Journalisten Jack Parlabane geschrieben hat und uns schon den achten Fall vorlegt. Das macht aber nichts, denn jeder Fall ist in sich abgeschlossen und kann problemlos für sich allein gelesen werden.

Diesmal geht es um Sam, eine junge Studentin, die sich liebevoll um ihre kleine Schwester kümmert. Sie versucht vergeblich, Unterstützung von Staates Seite zu erhalten und gleichzeitig noch irgendwie ihr Studium zu schaffen. Eigentlich jemand, der zu wenig Zeit für alles hat und wahrlich unbescholten wirkt. Was könnte schon so jemand haben, dass sich Erpressung lohnen könnte? Nun ja, Sam hat noch eine zweite, geheime Identität, mit welcher sie illegale Aktionen via Internet mit anderen Gleichgesinnten abzieht. Sie ist als Buzzkill so erfolgreich, dass irgendwann jemand doch auf sie aufmerksam wird. Und dieser jemand bedroht nun Sams ganze Existenz, die kleine Schwester, das Studium, ihre ganzen Errungenschaften, wenn sie nicht einen noch gefährlicheren Coup durchzieht.

Brookmyre führt uns gekonnt an der Nase herum und macht riesigen Spaß. Ich las es und fragte mich, wie Sam aus dieser Nummer wieder heraus kommen wird. Er schreibt aus der Sicht einer jungen Frau, die in der Popkultur und Internetszene zu Hause ist, die nur im Internet ein tougher Hund sein kann und sich nun in der Realität gegen einen so übermächtig wirkenden Gegner durchsetzen muss. Der Autor hat gut recherchiert und überzeugend geschrieben! Ein Krimi, der wunderbar ohne literweise Blut auskommt und gleichzeitig ironisch und hintersinnig zu lesen ist.

Ich freue mich schon auf das nächste Buch von Chris Brookmyre.

Von Sarah-Katarina Klecker



Unser Buchtipp im DK vom 20.1.20

Candice Fox - Missing Boy

Buchhandlung Sabine Jünemann

Suhrkamp Verlag, 374 Seiten, 15,95 €

Ted Conkaffey hat es wirklich nicht leicht nach seinem unfreiwilligen Abschied von der australischen Polizei. Aber wer will schon einen Ex-Knacki als Mitarbeiter, auch wenn er sich als unbescholten herausgestellt hat. Mühsam hat er sich eine Existenz als Privatdetektiv aufgebaut und darf zum ersten Mal nach langer Zeit seine Tochter nicht nur sehen, sondern sie auch für einige Tage betreuen.

Dumm nur, das im wenige Meilen entfernten Cairns ein kleiner achtjähriger Junge aus dem Hotelzimmer seiner Mutter verschwunden ist. Spurlos, so als habe er sich in Luft aufgelöst. Die völlig aufgelöste Mutter besteht gegen alle Einwände der Polizei darauf, Mr. Collins – wie er sich nun nennt - hinzuzuziehen. Da ist guter Rat teuer, eigenes oder fremdes Kind, guter Ruf oder Schmutzkampagne.

Ted Conkaffey bittet seine älteste Freundin in der Gegend, doch bitte sein eigen Fleisch und Blut zu hüten, und macht sich mit seiner Partnerin Amanda Pharrell auf die Suche nach dem vermissten Jungen. Sie geraten in einen Sumpf tödlicher Gefahren, buchstäblich verseucht mit Krokodilen und anderem giftigen Getier, aber auch den gefährlichsten Typen, die sich hier im äußersten Winkel Australiens verkrochen haben, um dem Gesetz zu entfliehen.

Candice Fox hat in ihrem neuen Roman wieder einmal die dunkelsten Seiten der menschlichen Seele aufgedeckt, spannend und packend bis zu letzten Zeile!

Von Sabine Jünemann



Unser Buchtipp im DK vom 13.1.20

Josephine Angelini - Annies Welt

Buchhandlung Sabine Jünemann

Dressler Verlag, 223 Seiten, 17,00 €

Als jüngstes Kind in einer Familie mit acht älteren Geschwistern hat man es sicherlich nicht immer leicht. Die zehnjährige Antoinette Elizabeth Bianchi ist auch noch ein ganz besonderes Mädchen. Nicht nur, dass sie weder so aussieht wie ihr italienischer Vater und der Rest ihrer streng katholischen Familie, immerhin sieben Schwestern und ein Bruder, noch wie ihre irische Mutter, sie ist auch noch die einzige hochbegabte Legasthenikerin in der Familie. Annie wird gerne von allen übersehen, was allein deshalb nicht immer gelingt, weil ihr bei Aufregung regelmäßig schlecht wird, sehr zum Ärger ihre älteren Geschwister, die sie ohnehin häufig peinlich finden. Sie alle wissen, dass sie nicht nur auf der falschen Seite des Waldes leben, nämlich da, wo weder der Golfplatz ist, noch die schönen, teuren Häuser stehen, und dass ihre Familie nicht nur über sehr wenig Geld verfügt sondern auch in Chaos und Gewalt zeitweise fast untergeht. Aber nach außen halten sie alle zusammen, auch wenn sie fast auf sich alleine gestellt sind mit einem zu viel arbeitenden Vater und einer völlig überforderten Mutter. Nur die Schule und ihre dortigen Freunde in der Klasse für hochbegabte, besondere Kinder geben Annie Halt in diesem Leben, das auch sie fast jeden Tag aufs Neue überfordert. Erst als es fast zur Katastrophe kommt, als eine ihrer Schwestern verschwindet, bekommt die Familie die Hilfe von außen, die sie schon längst gebraucht hätte.

Ein Buch, das sich trotz der schwierigen Familiensituation, in der Annie steckt, durch den flapsigen, teilweise trotzigen und zum Nachdenken anregenden Tonfall der jungen Ich-Erzählerin wunderbar lesen lässt. Für aufgeweckte Zehnjährige ebenso geeignet wie für interessierte Erwachsene.

Von Karin Skrzypczak



Unser Buchtipp im DK vom 6.1.20

Beate Rygiert - George Sand und die Sprache der Liebe

Buchhandlung Sabine Jünemann

Aufbau Verlag, 391 Seiten, 12,99 €

Eine Zeitreise ins Paris des Jahres 1831! Hier begegnen wir einer Frau, 27 Jahre alt, unglücklich verheiratet und mehr als glücklich verliebt! Wer sie ist? Aurore Dudevant, auch wenn sie diesen Namen nicht behalten wird.

Sie lebt in einer kleinen Mansardenwohnung für sich allein. Sechs Monate hat sie von ihrem Ehemann aushandeln können. Jedoch: Sie braucht Geld, und außerdem möchte sie sich endlich frei bewegen können. So schneidert sie sich einen Anzug, stopft ihre langen Haare unter eine Studentenmütze und taucht ein in das Pariser Leben unter König Louis-Philippe. Der Zufall will es, dass sie eine Stelle als Journalistin bei einer Zeitung angeboten bekommt.

Tagsüber sitzt sie in der Redaktion, nächtens schreibt sie wie besessen an ihrem ersten Roman. Als sie einen Verleger sucht, hagelt es Absagen. Zwar gilt Paris als ein Ort, wo vieles möglich ist, aber eine Frau als Autor? Das geht zu weit! So greift sie zu einem Pseudonym. Geboren wird George Sand!

Dies ist der bewegende Roman über eine der großen literarischen Gestalten des 19. Jahrhunderts. Einer Frau, die für das Recht der Frauen auf Eigenständigkeit eintrat und gleichzeitig als „Femme scandaleuse“ Schlagzeilen machte durch ihre vielen Liebschaften.

Es lohnt sich ihren Werdegang zu erlesen und dadurch vielleicht auch als Autorin neu zu entdecken.

Von Sabine Jünemann



Unser Buchtipp im DK vom 30.12.19

Antonie Schneider / Pei-Yu Chang - Wem gehört der Schnee? Eine Ringparabel

Buchhandlung Sabine Jünemann

NordSüd Verlag, 32 Seiten, 15,00 €

Hurra, es schneit! Die Kinder Jerusalems sind völlig aus dem Häuschen. Hier im „Heiligen Land“, wie die Region auch manchmal genannt wird, schneit es nur alle Jubeljahre einmal.

Muslimische, jüdische und christliche Kinder spielen in den Straßen, nicht immer gemeinsam. So auch an diesem Tag. Jedes Kind behauptet natürlich, der Schnee gehöre ihm, und ein großer Streit ist vorprogrammiert. Um eine Entscheidung zu erreichen, beschließen die Kinder, jeder etwas Schnee mitzunehmen und ihre Religionsgelehrten zu fragen, wer Recht habe. Doch als sie ankommen, ist von der weißen Pracht nur noch Wasser übrig, so dass weder der Rabbi, noch der Priester oder der Imam helfen können.

Traurig erkennen die Kinder, wie viel schöner es gewesen wäre, einfach miteinander im und mit dem Schnee zu spielen und sich so gemeinsam daran zu erfreuen.

Die Autorin hat eine herzliche Geschichte über das Geheimnis der Toleranz geschrieben, die nicht nur Kinder, sondern auch Erwachsene nachdenklich stimmt. Genial illustriert von der Taiwanesin Pei-Yu Chang, die einigen Bilderbuchkennern bereits bekannt ist durch „Der Koffer von Herrn Benjamin“.

Ob es in Jerusalem nochmal schneien wird? Lassen sie sich doch einfach überraschen, denn manchmal geschehen Wunder, die alle Menschen erfreuen.

Von Sabine Jünemann



Unser Buchtipp im DK vom 23.12.19

Rafik Schami - Elisa oder die Nacht der Wünsche

Buchhandlung Sabine Jünemann

Hanser Verlag, 32 Seiten, 14,00 €

Es war einmal ein keiner Junge, der weinend vor dem Schaufenster eines Spielzeugladens stand. Kurz zuvor hatte ihn eine Gruppe von Kindern verhauen und das alles nur, weil er anders aussah. Sehnsüchtig betrachtete er den roten Roller und wünschte sich diesen als Geschenk. Ob seine Mutter sich den wohl würde leisten können, wenn sie ihn hier abholte?

All dies betrachtet aus großer Ferne Elisa, die Frau des Weihnachtsmannes, durch ein Fernglas. Schon lange war Elisa mit der Arbeit ihres Mannes unzufrieden. Scheinbar war ihr Mann seiner Arbeit nicht mehr gewachsen. Er war immer so müde. So beschloss sie, ihrem Mann zu unterstützen, und die geheimsten Wünsche der Kinder zu erfüllen.

Dieses ist eine etwas andere Weihnachtsgeschichte, die die Menschen zum Nachdenken anregt. Rafik Schamis Erzählung gleicht einer Parabel, die wunderbar von Gerda Rait illustriert wurde.

Von Sabine Jünemann



Unser Buchtipp im DK vom 16.12.19

Peter Stamm - Marcia aus Vermont

Buchhandlung Sabine Jünemann

Fischer Verlag, 78 Seiten, 14,00 €

Ein junger Mann aus der Schweiz verbringt die Tage um Weihnachten und Neujahr allein in New York, bevor er sich im Januar auf den Rückflug zu seinen Eltern in die Heimat machen wird. Beim Spazierengehen durch die leeren Straßen der Stadt trifft er am Heiligabend eine junge Frau namens Marcia, die ihn um Feuer bittet. Er folgt der geheimnisvollen Frau und verbringt die Nacht mit ihr. Die Tage bis Neujahr vergehen für ihn wie im Traum, den er zusammen mit Marcia und einem befreundeten Paar erlebt.

Wie viele seltsame Weihnachten er schon erlebt hat, wurde er von Marcia gefragt, fällt ihm dreißig Jahre später wieder ein, als er mal wieder in New York ist. Mit Hilfe der wenigen Erinnerungen, die er hat, begibt er sich auf Spurensuche. In Vermont hofft er Marcia wieder zu begegnen, ihre Eltern haben dort nach dem Tod ihres jüngeren Bruders ein Stiftungsdorf für Künstler gegründet. Über einen befreundeten Galeristen kommt er jetzt selbst in den Genuss eines zweimonatigen Aufenthaltes dort und kann die Zeit bis zum Jahreswechsel seiner Kunst und vor allem seinen Nachforschungen widmen. Eine Suche zwischen Traum und Wirklichkeit beginnt für ihn an diesem wie aus der Zeit gefallenen Ort. Und obwohl er sich kaum noch an Marcia erinnert, fasziniert ihn das wenige, das er nach und nach über sie erfährt so sehr, dass er sich immer mehr in die Vergangenheit verliert. Eine ungewöhnliche und märchenhafte Erzählung, die wunderbar in diese Zeit zwischen den Jahren passt und eine kleine Auszeit in dieser doch oft so hektischen Zeit nicht nur verspricht.

Von Karin Skrzypczak



Unser Buchtipp im DK vom 9.12.19

Ralf Günther - Eine Kiste voller Weihnachten

Buchhandlung Sabine Jünemann

Kindler Verlag, 124 Seiten, 18,00 €

Compagnie Storch & Storch, Hersteller von Dresdner Pappen. Es ist Dezember 1890, als der Prinzipal beim letzten Rundgang durch die Manufaktur eine Kiste entdeckt, die längst ausgeliefert hätte sein sollen. Einfach vergessen steht sie in einer Ecke. Wieso, das kann ihm jetzt keine seiner Arbeiter erklären. Alle sind schon fort - endlich Weihnachten feiern. So spannt der alte Mann den Schlitten an, um die allerletzte Fuhre doch noch an ihr Ziel zu bringen.

Lange hat er so etwas nicht mehr gemacht, und kutschiert ebenso wenig. Es wird nicht leicht werden, bei diesem Wetter noch pünktlich nach Zinnwald zu kommen. Als er den Hof der Firma verlässt, springt ein kleines Mädchen auf die Ladefläche und versteckt sich unter der Plane. Sie möchte nach Hause. Mittellos muss sie sich durchschlagen, um zu Vater und Geschwistern zu kommen, sollen die doch Weihnachten nicht alleine sein.

Schon bald werden die beiden, Vincent Storch und Lisbeth, aufeinander angewiesen sein, denn der Schnee, der in der Stadt nur für ein wenig Puderzucker gesorgt hat, fällt im Gebirge in dicken Flocken und macht die Wege schwer passierbar. Es musste schon ein Wunder geschehen, dass die Kiste rechtzeitig nach Zinnwald und Lisbeth zu ihrer Familie kommt. Manchmal, sehr selten, geschieht mitten im Winter ein kleines Wunder.

Ralf Günthers herzerwärmende Geschichte stimmt die Leser auf das Fest ein und zeigt, dass auch alte Griesgrame manchmal doch ein Herz haben und Freude empfinden können.

Von Sabine Jünemann



Unser Buchtipp im DK vom 2.12.19

Madeline Miller - Ich bin Circe

Buchhandlung Sabine Jünemann

Eisele Verlag, 500 Seiten, 24,00 €

Wie wäre es, die Menschheit durch die Augen der Göttin Circe zu betrachten und dabei ganz neue Einblicke in die griechische Mythologie zu gewinnen?

Fesselnd wird zunächst Circes Kindheit und Jugend im Palast ihres Vater Helios erzählt. Ihr Verhältnis zu Vater und Mutter ist unterkühlt, und die älteren Geschwister hänseln sie wegen ihrer menschlich klingenden Stimme. Nur zu ihrem jüngeren Bruder Aietes scheint sie eine Beziehung aufbauen zu können. Als auch Aietes sie enttäuscht und verlässt, wendet sie sich von der Götterwelt ab, und der Menschenwelt zu.

Circe verliebt sich in den Menschen Glaukos und möchte für immer mit ihm zusammen bleiben. Deshalb verstößt sie öffentlich gegen die Regeln der Götter und verwandelt ihn in eine niedere Gottheit. Sie wird dafür mit ewiger Verbannung auf die Insel Aiaia bestraft. Dort wird sie zur Kräuterkundigen und schult ihr Talent für Verwandlungen.

Sprachlich gut erzählt und spannend schildert der Roman das Leben der Göttin Circe und wie sie sich zur uns bekannten berüchtigten Hexe entwickelt. Sehr lesenswert mit einem überraschenden Schluss, bekommt man einen erfrischend neuen Blick auf die griechische Mythologie. Der Anhang verhilft zu neuen Wissen über die Persönlichkeiten der Götter- und Heldenwelt Griechenlands oder frischt es auf, wenn nötig.

Madeline Miller hat auf 500 Seiten die Antike lebendig werden lassen. Das Buch lädt zum Abtauchen in eine andere Welt ein und eignet sich hervorragend als Geschenk für Leser, die sich für die antike Mythologie interessieren.

Von Luise Harloff



Unser Buchtipp im DK vom 25.11.19

Rafik Schami - Die geheime Mission des Kardinals

Buchhandlung Sabine Jünemann

Hanser Verlag, 431 Seiten, 26,00 €

Alles beginnt im Jahr 2010 mit der Auslieferung eines Fasses Olivenöl für die Küche der italienischen Botschaft in Damaskus. Als der Koch das Fass ansticht tröpfelt es nur sachte, statt dass sich ein goldgelber Strahl daraus ergießt. So wird das Fass geöffnet. Heraus fällt eine in Plastik verpackte Leiche.

Der Tote entpuppt sich als niemand anderes als der Kardinal Angelo Cornaro, einem der päpstlichen Ratgeber. Natürlich wird die syrischen Polizei informiert, und Kommisar Barudi übernimmt die Ermittlungen. Schützenhilfe erhält der syrische Kommissar von einem italienischen Kollegen, der ihn sogleich über die politischen Feinheiten der vatikanischen und italienischen Zuständigkeiten aufklärt.

Der Kardinal war einem Rätseln auf der Spur, welches sich nur vor Ort in Syrien aufklären ließ und dessen Lösung ob der unterschiedlichen Glaubensrichtungen sehr diffizil zu werden versprach. Ein muslimischer Wunderheiler, der sich auf Jesus Christus beruft, im Stammesbereich der Drusen lebend? Wahrlich nicht einfach!

Rafik Schami hat eine moderne Fabel über die politische Situation in Syrien in einen Roman mit kriminalistischen Zügen verpackt. Informativ, spannend und sehr nachdenklich zu lesen. Nach dieser Lektüre kann man vielleicht ansatzweise die politischen Gegebenheiten verstehen, soweit es einem Europäer möglich ist.

Von Sabine Jünemann



Unser Buchtipp im DK vom 18.11.19

Renate Feyl - Die unerlässliche Bedingung des Glücks

Buchhandlung Sabine Jünemann

Kiepenheuer & Witsch, 428 Seiten, 24,00 €

Wer gut erzählte historische Romane liebt, für den ist das neue Buch von Renate Feyl genau die richtige Lektüre. Sie beschreibt den Beginn der deutschen Arbeiterbewegung in Deutschland anhand der Begegnung zwischen Ferdinand Lassalle und der Gräfin Sophie von Hatzfeldt in so starken Bilder, dass man glaubt, sich mitten im Geschehen zu befinden. Der Student Lassalle macht es sich zur Aufgabe, der zwanzig Jahre älteren Gräfin bei der Scheidung von einem der reichsten und einflussreichsten Männern des Landes zu helfen, der ihr in den vielen Jahren Ehe nur Leid in jeglicher Form zugefügt hat. Sie wiederum unterstützt den temperamentvollen Lassalle zusammen mit ihrem jüngsten Sohn Paul bei seinen politischen Aktivitäten.

Auch durch Verleumdungen, Erpressungen und Gefängnisaufenthalte lassen sie sich nicht davon abhalten, für ihre Sache zu kämpfen. Die Gräfin Hatzfeldt mit Hilfe von Lassalle für ihre persönliche Freiheit und beide zusammen auch für die Freiheit aller und dem damit verbundenen Umbruch. Ein leichter, unterhaltsamer Einstieg in die Zeit der Revolution und die Anfänge der Sozialdemokratie, behutsam verpackt in eine spannende Geschichte von Verrat und Liebe.

Von Karin Skrzypczak